Wer rumschreit, hat Unrecht?
Wut ist Teil meines Theaters. Obwohl ich sehr liebevoll mit den Leuten arbeite. Aber schon was ich behandle, hat sehr viel mit Wut zu tun. Zum einen mit einer verbreiteten Art, Theater zu spielen, an der ich als Schauspieler verzweifelt bin. Wo ich gerne selbst viel weiter gegangen wäre, bin ich runtergedrückt und weggeputzt worden. Als Regisseur habe ich auf einmal Gelegenheit, das so richtig loszulassen und gleichzeitig das, was ich am Theater als Schauspieler erlebt habe, zu kontern.
Denn Wut ist ja eine Entäußerung – und eigentlich etwas Wunderbares, in unserer Gesellschaft aber nicht zugelassen. Wer rumschreit, hat Unrecht. Deshalb traut sich auch keiner mehr in einer Talkshow, mal richtig durchzudrehen und loszuschreien. Wie Kinski. Das gibt’s nicht mehr. Alles ist gepflegt, distanziert, ein und derselbe Ausdruck. Schon deshalb reizt es mich, diese Kraft zu finden, Leute, die ausrasten und die Nerven verlieren. Weil man es nirgends mehr sieht! Fast wie der Tod, den kriegt man ja auch nicht mehr
mit. Extreme Gefühle werden nur noch in den eigenen vier Wänden abgehandelt, wo sich die Leute dafür auch gleich am liebsten umbringen.
Und um mal konkret und auch ein bisschen ...
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Theater heute Jahrbuch 2011
Rubrik: Herbert Fritsch, Seite 7
von Herbert Fritsch
Intendanten sind auch Menschen» – mir schießt die Schamröte ins Gesicht. «Es sind ja nur 200 Mark im Monat mehr Gage, die ich will, weit unter dem Kollektivvertrag der Müllabfuhr.» Die 70er waren düstere Jahre, aber die Straßen der Künstler glitschig, ausrutschen hieß noch nicht untergehen, und Nacktheit wurde zur verspielten Erotik. Die Nebel zogen durch die...
Die große Wut hatte ich vor etwa 20 Jahren. Das Theater war leidenschaftslos, verbeamtet, routiniert, beschäftigte sich vor allem mit sich selbst. Ich hatte die Nase voll, schmiss alles hin, flüchtete nach Paris, ließ alles liegen.
Wut macht rücksichtslos, aber Wut gehört zur Freiheit. Menschen, die Wut nicht kennen oder Wut nicht wagen oder sie fürchten, langweilen...
PARRHESIA
die institutionalisierung der beichte in europa im 13. jahrhundert ist wohl der zentrale punkt der christlichen übernahme des griechischen prinzips des «kümmerns um sich selbst» (epimeleia heautou). diese sorge um sich selbst wurde bei den griechen anders praktiziert. hier bedurfte es keines beamteten priesters, sondern eines älteren freundes, eines...
