Prädemente Denkgymnastik
Es war eine Überraschung, als Wilhelm Genazino vor drei Jahren mit zwei Stücken aufwartete. Immerhin stand er bereits kurz vor der Verleihung des Büchnerpreises, als er sich auch als Theaterautor outete und in zwei Stücken mit Tränensäcken, Bierbäuchen, Warzen und Altersflecken aufwartete. Der sich auflösende Körper bestimmte derart den Ton seiner späten Dramatik, dass man Beifall zollen wollte, gab er doch den wackeren Quichotte und schwang das Pappschwert gegen die zeitgeistige Körperbesoffenheit.
Als «Lieber Gott mach mich blind» dann beim Heidelberger Stückemarkt in szenischer Lesung zu hören war, wurde allerdings auch deutlich, dass die immergleichen syntaktischen Wendungen und ein durchgängig sarkastischer Ton durchaus einschläfernd wirken können.
Man weiß sehr schnell, dass es nur um die Vergänglichkeit des Lebens und sonst gar nichts geht. Das ist auch jetzt so, da Roberto Ciulli Genazinos «Der Hausschrat» zur Uraufführung gebracht hat und mit Sophie und Karl zuerst einmal zwei Mittfünfziger in einem biederen Wohnzimmer platzieren musste. Die beiden entsprechen auf keinen Fall gängigen «Fit for Fun»-Standards. Er ist das klassische Couchpotato, verfolgt einen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Franz Wille«Der Häßliche» erscheint als ein ganz neuer «Mayenburg», kein ernstes Stück aus den Seelenlandschaften der Zeitgenossen, sondern eine mit trockenen Pointen durchgeschriebene, fast angelsächsische Boulevardmaschine, die schauspielerseits wenig Psychologie braucht, sich sehr ökonomisch über Plot und Pointe vorwärtstreibt. Ein Stück wie fürs Londoner Royal...
Man kennt diese Typen. Kaum im Job aufgestiegen, richten sie sich und andere mit zynischer Zerstörungslust und gehörigem Selbst- und Lebensekel – weil sie erkennen, dass sie sich komplett verkauft haben – zu Grunde. Dabei sind sie natürlich nur auf der verzweifelten Suche nach einem Selbst, das in der allgemeinen universalen Käuflichkeit zwangsläufig irgendwo...
Wer sich fragt, wie heute ein Großinquisitor aussehen könnte, vor dem die Könige zittern und in dessen Händen alle Fäden der Macht zusammenlaufen, der erhält von Nicolas Stemann im Deutschen Theater eine schlagende Antwort: kein allgewaltiger Politstrippenzieher, keine Spinne im Netz, keine Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Regenten, Präsidenten der...
