Karlsruhe: Gockel/Küspert «Rechtsmaterial – Ein NSU-Projekt»

Banal, brutal

Theater heute - Logo

Möglicherweise, sagt der pummelige junge Herr im weißen Schutzanzug (Daniel Friedl) nach gut einer halben Stunde, fühle man sich irritiert, wie das bisher Gezeigte inhaltlich und formal mit dem Untertitel «ein NSU-Projekt» zusammenzubringen sei. Stimmt: Wer nicht ins Programmheft geschaut hat, dürfte sich wundern, warum eine Theaterrecherche zur Mordserie der rechtsextremen Terrorgruppe damit beginnt, dass sich zwei Studenten im 20er-Jahre-Look darüber streiten, ob sie mit dem Büffeln für die Prüfung in Wirtschaftswesen nicht ihr darbendes Vaterland verraten.

Der Auftritt eines Fräuleinwunders namens Alexandra und eines alten Kriegskameraden, der die Studenten als patriotische Untergrundkämpfer gewinnen will, lichtet den Nebel etwas, den besagter junger Herr nun ganz zerstreut: Das Nazi-Propagandastück «Schlageter», 1933 zu Hitlers Geburtstag in Berlin uraufgeführt und nur zwei Tage später auch am Badischen Staatstheater Karlsruhe gezeigt, fungiert hier als Folie für die zwischen 2000 und 2007 begangene Mordserie: Matthias Lamp wird vom zunächst zögerlichen Leo Schlageter immer mehr zu Uwe Mundlos und trägt die Bomberjacke zur Knickerbocker, Sophia Löffler wandelt sich von ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2014
Rubrik: Chronik, Seite 52
von Andreas Jüttner

Weitere Beiträge
Heidelberg: Henriette Dushe «Lupus in fabula»

Letztes Jahr gewann das Stück den Autorenpreis des Heidelberger Stückemarktes, zur Eröffnung des diesjährigen Festivals gab es nun die Uraufführung. Henriette Dushe widmet sich in ihrem zweiten Theatertext dem Sterben und dem Warten dreier namenloser Schwestern auf den Tod des Vaters. Dushe benennt die drei Schwestern gemäß ihrem Platz in der Geschwisterreihe. Die...

Bei Anruf Völkermord

Der «Restlebenswertindex» aus Gert Roland Stiepels Hörspiel «Abschiedsgeschenk» (NDR) bleibt als Schlagwort wohl jedem in Erinnerung, der diese pechschwarze Satire zum Thema Vergreisungsnotstand in Deutschlands naher Zukunft hört. Er berechnet die Kosten der noch erwartbaren Lebenszeit gegen den gesellschaftlichen Vorteil, diese freiwillig zu verkürzen. Für eine...

Revolution bis zum Stillstand

Drei europäische Germanisten und eine Germanistin machen sich auf die Suche nach dem vom Zweiten Weltkrieg gegerbten deutschen Schriftsteller Benno von Archimboldi alias Hans Reiter (ein Geistesverwandter Curzio Malapartes), verlieben sich dabei in wech­selnden Konstellationen und landen nach etlichen Reisen in Mexiko. Dort, in der wuchernden Wüstenstadt Santa...