Dresden: Anjas Wut
Keine untergehende Berufsgruppe, Partei oder Gesellschaft, die sich nicht wunderbar in der Eigentümerin des «Kirschgartens» spiegeln ließe! Zwar ist die Ranjewskaja mehr als pleite, aber eben auch reich gesegnet mit der Grundarroganz verarmter Aristokraten. Dass ihr Gut versteigert wird, steht zwar unmittelbar bevor, kann aber dessen ungeachtet eigentlich gar nicht sein. Schließlich ist der «Kirschgarten» im «Enzyklopädischen Lexikon» verzeichnet.
Und der vermeintliche Rettungsplan, den der Sozialaufsteiger Lopachin ihr da unterbreitet hat, nämlich das landschaftliche Gesamtkunstwerk zu parzellieren, mit Datschen zu bestücken und an Feriengäste zu vermieten, kann aus ihrer Sicht auch wirklich nur einem Materie-fernen Volltrottel einfallen – der das Gut am Ende natürlich erwerben und umgehend die Axt an die Baumkultur legen wird!
Dieser Sozialkonflikt geht selbstverständlich immer auf der Bühne. Andreas Kriegenburg, der den «Kirschgarten» jetzt im Großen Haus des Staatsschauspiels Dresden in eine Art White Box gezirkelt hat, auch diesmal Regisseur und Bühnenbildner in Personalunion, entrückt das Geschehen in eine zeitlose Distanz mit Commedia-dell’arte-Anleihen. Die Kostüme sind ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Januar 2020
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Christine Wahl
Eine Performance von
Nicoleta Esinencu, Antosea Darca und Elena Anmeghichean, Catalina Bucos, Doina-Romanta Dochitan, Nora Dorogan, Ciprian Marinescu, Kira Semionov, Elena Sîrbu, Doriana Talmazan, Artiom Zavadovsky
Unter Anrufung der Geister unserer Mütter und Großmütter befehlen wir die Verdammung der Monogamie
ALLE
Ging das Mädchen seines Wegs
traf die Monogamie...
Aufführungen
Im Deutschen Theater Berlin trifft der unermüdlich drehbühnenkreiselnde Ulrich Rasche auf Sarah Kanes letztes Stück, den ausweglosen Depressionssog von «4.48 Psychose». Eher umgekehrt sucht Susanne Kennedy in «Ultraworld» an der Volksbühne Berlin nach einem Modell für die Welt und die Bewusstwerdung eines Menschen. Sowohl Johan Simons in Bochum als...
Das nennt man vorausblickende Spielplangestaltung: Just an jenem 10. Oktober, an dem die Akademie in Stockholm bekannt gab, dass der Literaturnobelpreis 2019 an Peter Handke geht, hatte in Klagenfurt dessen Drama «Die Stunde da wir nichts voneinander wussten» Premiere. Das stumme Stück besteht aus unzähligen Mikrodramen – oder eher Nanodramen – und ist ein...
