Ende der Entfremdung
Die Mobiltelefonie hat nicht nur Orthopäden in Gestalt überbeinartiger Daumenauswüchse, Folge exzessiven Gebrauchs des Fingers beim Eintippen von Telefonnummern und beim Verfassen von SMS, ein neues Betätigungsfeld eröffnet. Sie hat auch die Soziologen auf den Plan gerufen, die sich der «Daumenkultur» unter kommunikationstheoretischen Aspekten annehmen.
Ein gleichnamiger Reader war das letzte Werk des 2005 verstorbenen Peter Glotz, und da das Forschungsvorhaben von T-Mobile gesponsert wurde, war es vielleicht nicht allzu erstaunlich, dass die darin versammelten Wissenschaftler der Landplage ständiger Erreichbarkeit höchst freundliche Seiten abzugewinnen wussten. Gipfelnd in einem euphorischen Exkurs des ungarischen Philosophen Kristof Nyri unter dem Titel «Das Mobiltelefon als Rückkehr zu nichtentfremdeter Kommunikation».
Das mag den Laien wundern: Unbestreitbar ist die Kommunikation übers Handy ja eine körperlose, und in gewisser Weise sogar eine ortlose. Wo sich der Gesprächspartner befindet, ist dem Anrufenden im Mobilnetz unklar («Wo steckst du gerade?»). Nichts begünstigt den Seitensprung mehr. Nyri dagegen beglückt die Spontaneität des Gesprächs, die das Handy ermöglicht, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Wenn sich ein Mann und eine Frau in einem Hotelzimmer treffen, sind normalerweise sexuelle Motive im Spiel. Das Hotelzimmer ist der klassische Schauplatz von geheimen Affären oder spontanen One-Night-Stands. Der Mann aus Neil LaButes «Some Girl(s)» aber hat anderes im Sinn, wenn er in vier verschiedenen (und doch identisch aussehenden) Hotelzimmern vier Frauen...
Heißes Wettrennen um den Titel des besten Berichts vom miserabelsten Ehezustand: Kopf an Kopf mit den Zerrütteten aus «Wer hat Angst vor Virginia Woolf?» geben Strindbergs Totentänzer, Kapitän Edgar und seine Gattin Alice, keinen Zentimeter Repertoireanrecht verloren. Zwar fehlt den skandinavischen Kleinkriegern ein wenig die Hitze der Nacht, und auch der Alkohol...
Treffpunkt Münchner Hauptbahnhof, 16 Uhr am Haupteingang. Stattfinden soll hier in Kürze das Happening «Hello/ Goodbye» von Allan Kaprow aus dem Jahr 1978, reanimiert von Studenten der Theaterwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität als posthume Geisterbeschwörung beziehungsweise, wie man das heute nennt, als «Re-enactment» – eine Technik die sich als...
