Unter Geiern

Russen alt und neu: Alvis Hermanis entdeckt in München Gorkis «Wassa Shelesnowa» wieder, während Stephan Kimmig und Luk Perceval einmal mehr Tschechows «Kirschgarten» umgraben

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Was für eine nette Gesellschaft: kein einziger guter Mensch. Während der alte Familienpatriarch, seit Jahren ein Spieler und Säufer, im Nebenzimmer verröchelt, entbrennt vorn im Salon der Kampf ums Erbe. Dabei ist jedes Mittel recht. Es wird gedroht und intrigiert, bestochen, betrogen, erpresst, spioniert, gefälscht, eingeschüchtert und am Ende sogar gemordet. Alles nur wegen einer lumpigen Firma, die man heute ein mittelständisches Unternehmen nennen würde – eine kleine Wolga-Reederei, bessere Binnenschiffer.

Gorkis «Wassa Shelesnowa» in der ersten, noch von keiner revolutionären Hoffnung erlös­ten Fassung von 1910 ist kein Stück von Anton Tschechow. Keine alternden Diven, die sich vor jüngeren Geliebten oder Gläubigern fürchten müssen, keine ermüdeten Landadeligen, die in bankrotter Grandezza den Zug der Zeit verpasst haben und von zupackenden Lopachins wegge­fegt werden. Stattdessen diese Lopachins selbst, und zwar nach ihrem ersten räudigen Siegeszug. Zähe Kaufleute, die sich ein wackeliges Ver­mögen erwirtschaftet haben und es mit Zähnen und Klauen verteidigen: der Wohlstand in seiner beständig bedrohten, gemeinsten Blüte.

Die eisernste Interessenwahrerin ist Wassa Shelesnowa, ...

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Theater heute April 2012
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Franz Wille

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