Ein sehr lebendiger Organismus

Theatergeschichte aus dem Geist der Theaterkritik: Günther Rühles «Theater in Deutschland 1887 bis 1945»

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Über eine Theateraufführung kann nur schreiben, wer mit eigenen Sinnen und Verstand gegenwärtig war. So dachte man bisher, und so formuliert die Theaterwissenschaft und Theaterkritik ihr leidiges Problem, ein flüchtiges Ereignis analysieren und konservieren zu wollen.

Schon der Versuch eines Kritikers oder wissenschaftlichen Beobachters, während der Aufführung Notizen zu machen, Urteile zu erwägen und For­mulierungen zu suchen, trennt ihn vom Publikum, das dem theatrali­schen Geschehen folgt und im gelungenen Falle nach den Wirkungen und Gesetzmäßigkeiten erlebt, die die Aufführung selbst zu erzeugen vermag. Der zu Urteil und Beschreibung gezwungene professionelle Zuschauer interveniert an dieser elementaren Beziehung von Kunstwerk und Erlebnis. Welchen Einfluss diese Intervention auf die Theateraufführung hat und wann sie zerstörerisch (Urteilszwang und Besserwisserei) oder gewinnbringend (Vorkenntnisse und gesteigerte Neu­gierde) ist, ist schwer planbar. Das Wahrnehmungsparadox, dass der Beobachter immer schon den Gegenstand seiner Beobachtung beeinflusst, gilt für das Theater und seine Zuschauer in konstituierender Art und Weise. Die Theaterwissenschaft kämpft seit jeher mit ...

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Theater heute Dezember 2007
Rubrik: Theatergeschichte, Seite 42
von Bernd Stegemann

Vergriffen
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