Die einzig wirkliche Griechin
Was für eine Tragödin! Am Leib von Nina Hoss als Medea wird das Schwarz wieder zu dem, was es einmal war: die Farbe des Todes, die Farbe der archaischen Landbevölkerung, die Farbe des großen Nein zur bunten Mittelstandswelt des in seiner Berliner Variante sehr gegenwärtig ausschauenden Korinth. Ausgerechnet die Barbarin aus dem halbwilden Kolchis ist unter den dortigen Seifenopernhellenen die einzige wirkliche Griechin, stolz und kompromisslos, göttergleich das eher kleine männliche Objekt ihrer Liebe überragend.
Medea, das ist seit zweieinhalb Jahrtausenden bekannt, stirbt nicht, sie lässt lieber sterben. Als ihr Gatte Jason (Michael Neuenschwander) durch eine Heirat die soziale Leiter hinaufsteigen möchte, mordet sie ihre Kinder, vergiftet ihre Nebenbuhlerin sowie deren Vater – und kommt auch noch ungeschoren davon. Das ist heute vielleicht ein noch größerer Skandal als in der Antike, die ja ein – gelinde gesagt – unsentimentales Verhältnis zum Kind hatte (man denke nur an den ziemlich bedenkenlos ausgesetzten Ödipus). Die Herausforderung, die darin liegt, uns so eine Frau nahe zu bringen, ohne sie durch eine Selbsterfahrungsgruppenpsychologie zu banalisieren, haben in der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Gerhild Steinbuch ist erst 24 und längst entdeckt, sie hat den Retzhofer Literaturpreis für Gegenwartsdramatik in Graz, den Stückewettbewerb der Schaubühne Berlin gewonnen, war zu den Werkstatttagen ans Burgtheater Wien und an die Summer School des Royal Court eingeladen. Jetzt hat sie für den Regisseur Roger Vontobel und das Schauspielhaus Graz in einer...
Die Steuerquellen sprudeln wieder, und der Finanzminister ist kein armer Mann mehr. Damit sind die Voraussetzungen geschaffen, im Kulturbereich wieder umzusteuern. Nach über zehn Jahren des Sparens, Konsolidierens, Deckelns und Effizienzsteigerns besteht an den Öffentlichen Bühnen mehr als Nachholbedarf.
Eine Reportage von Franz Wille über das Quotendenken an den...
Das Stück des Jahres ist ein Kuriosum: Man kennt Elfriede Jelineks «Ulrike Maria Stuart» aus bisher drei Inszenierungen in Hamburg, München und Hannover, die jeweils nur einen Bruchteil des 120-Seiten-Textes benutzten. Das Werk selbst ist nicht veröffentlicht. Deshalb
fasst der Dramaturg Tilman Raabke zusammen, worum es geht – als Schauspiel-Führer.
Nachwuchsaut...
