Narrativ der Ehrlichkeit
Eine neue deutsche Leitkultur, das klingt aber therapeutisch! Als könnte man etwas erfinden, das alle Probleme löst. Und solange man es nicht gefunden hat, ist es auch in Ordnung, dass die Probleme da sind. Es kann ja gar nicht anders sein, ohne die größte und beste Erfindung. Eine Art gesellschaftlicher Weltformel. Und klar, das Wort kann gar nicht anders als auch ein bisschen verdächtig sein. Ein bisschen nach Herrschaft klingen, nach Richtschnur, nach richtig und falsch, gut und böse, Freund und Feind, wir und die. Die einen sehen es als Einladung, die anderen als Befehl.
Streiten wir uns also wie die Kinder um einen Begriff? Vielleicht ist bei denen, die eine Leitkultur fordern, insgeheim die Sehnsucht da, es gäbe eine.
Ein wenig romantisch, wie man schon mal Kultur gegen Zivilisation ausspielte, Deutschland gegen Frankreich, Wagner gegen Dior. Weil man selbst sich so unwohl fühlte in der Moderne, suchte man nach dem Überzeitlichen, das für alle gilt. Und natürlich vor allem nach dem, was man selber hat und was einen ein wenig besser macht als die anderen. Was soll das aber für eine Leitkultur sein, seien wir ehrlich, nach so vielen Jahren eines weißen, männlichen, ...
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Theater heute Jahrbuch 2018
Rubrik: Die Heimatfrage (1), Seite 20
von Anna Bergmann
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