Immer schön gebrüllt
So sehen pubertäre Träume aus: Die eigene Mutter vor einer großen Menschenmenge bloßstellen mit bohrenden Fragen nach ihrer Kindheit im Nationalsozialismus; auf ein monströses Eisernes Kreuz steigen und mit gestrecktem Arm «Heil Hitler!» ins Volk brüllen; und schließlich mit der Macht des Mikrofons ausgestattet raunende Welt- und Selbsterklärungen an staunende Zuschauer diktieren – «Roaaaahrrr!», der zornige Junge im freundlichen Mann hat gebrüllt.
Jonathan Meese, ein überaus wohlerzogener Langhaariger, der bei Ausstellungseröffnungen auch alten Ehepaaren in aller Herzlichkeit die Kata-loge mit großen Peniszeichnungen signiert, hat mal wieder eine Performance gemacht. Die letzte war in der Turbinenhalle der Tate Modern in London, wo Meese sich wie der englische Popexzentriker Ron «Wizzard» Wood geschminkt hatte und aus einem Boxring, der umstellt war mit Skeletten und seinen phallischen Skulpturen, echt teutonische Widerständigkeit gegen rationales Denken präsentierte. Sein Zerrbild des preußischen Vernunftmenschen versendete er an die irritierten Briten in einer Art Morsealphabet germanischer Irrwege: von Adolf und deutscher Wald über Heidegger und Ritterkreuz zu Wagner und ...
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Zu Peer Gynt, hier entlang. Also gut. Machen wir es wie der Titelheld. Nehmen wir den Umweg. Peers Selbstfindungstrip führt von Solveig über Marokko und die halbe Welt zurück zu Solveig. Uns Zuschauer leitet ein Schilderparcours hinter die Große Bühne, hinein in den Basler Theaterbauch, mitten in Peer Gynts Industrieheimat. Dort, im Blaumannland, wo ein Gasrohr...
Mit Helden ist das so eine Sache.
Einerseits gilt das Verhältnis zu ihnen hierzulande als gespalten. Besonders, wenn es sich um die germanische Variante dieses Rollenmodells handelt. Erschwerend kommt hinzu, dass die germanischen Sagen heute nicht mehr unbedingt zum Wissenskanon zählen. Oder weiß jemand etwa, wer Hildebrand und Hadubrand waren? Weiß jemand noch,...
Halb elf am Nürnberger Hauptbahnhof hatten wir ausgemacht. Der Schauspieler Andreas Uhse steht vor dem «Info-Center», und von weitem meint man, diese Haltung zu kennen: ein wenig verloren und irgendwie fehl am Platz, allein unter Unzähligen. Der kahle Schädel zuckt immer mal ruckartig wie der Kopf eines aufmerksamen Vogels, die spitze Nase sticht in die Luft, die...
