Im Selbstwiderspruch – Contra HAU
Jeder, der heute über das HAU schreibt, hat genau genommen zu wenig Ahnung. Kein Kritiker, Zuschauer, Fan – vermutlich nicht einmal Matthias Lilienthal selbst – hat jede der 120 bis 150 Produktionen gesehen, die Jahr für Jahr dort durchgeschleust werden. Zahlen sind vielleicht langweilig, aber manchmal nicht zu vermeiden. Ein fleißiger Kritiker geht 100 Mal pro Saison ins Theater, manche auch nur 60 oder 80 Mal. Hyperaktive Kollegen mögen auf 150 Besuche kommen, aber das ist auf Dauer nicht gesund.
Berliner Kritiker, von überregional reisenden Kollegen nicht zu reden, müssen fünf weitere große Schauspielhäuser im Blick haben nebst einer wuchernden Szene und dürften auch bei allerhöchstem Interesse höchstens zwei Dutzend Mal im HAU gewesen sein. Ich selbst habe in meinem Kalender nachgesehen und war in der letzten Spielzeit genau sieben Mal in einer der drei Spielstätten. Ich habe also auch nur eine sehr partielle Ahnung und schreibe trotzdem. Wie alle anderen.
Die Überforderung hat natürlich Prinzip – in zweierlei Hinsicht. Die kurzen Spielserien von oft nur drei Vorstellungen machen die Kritik fürs Publikum weitgehend überflüssig, denn am Tag des Erscheinens einer Rezension ist ...
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Theater heute April 2012
Rubrik: Neun Jahre HAU, Seite 34
von Franz Wille
Der Waldorf-Schüler, Ex-Barkeeper und Auto-Didakt Juri Sternburg, Berliner vom Jg. 1983, hat sich in einem Interview einmal einen «sinnsuchenden Alles- und Nichtskönner» genannt. Unter dieses Label könnten vermutlich auch Andrej und Igor schlüpfen, zwei merkwürdig vage zwischen Fick dich! und Shakespeare changierende Junkies, die ihre Sinnsucherfragen an keinen...
Das HAU ist ein schwer festzunagelndes Lieblingstheater. Eines seiner Vorgänger in dieser Kategorie, die Berliner Volksbühne, war da deutlich leichter zu fassen mit ihrer Aura aus Arroganz, Exzentrik und Rock’n’Roll. Man konnte sich buchstäblich wärmen an diesem oft mit einem Panzerkreuzer verglichenen Haus, von dem der ehemalige Volksbühnendramaturg Matthias...
Ganz Charlottengrad ist auf den Beinen. Mit Pelzkrägen, High Heels und Dekolletés, die tief zwischen hochgeschnürte Brüste blicken lassen. Mit Kussmündern, vielleicht nachgespritzt, und reichlich blauem Lidschatten. Überhaupt, mit Farbe! Kurvenschmeichelndes Grün, frivoles Pink und leuchtendes Sonnengelb, passend zur nachtschwarz gefärbten Haarpracht. Dazu...
