Hut ab vor dem Einzelfall
Im letzten Bild von «Onkel Wanja», Jürgen Goschs Tschechow-Inszenierung am Deutschen Theater, sitzt Ulrich Matthes’ ausgemergelter Wanja zerstört auf der Lehmbank. Das Licht ist schon ziemlich tief gerutscht im mit Erde bestrichenen Bühnenkasten von Johannes Schütz und wirft lange Schatten, als ginge der Sonne nach einem anstrengenden Tag die Puste aus.
Gerade ist die letzte unerwiderte Liebe des alternden Junggesellen ausgezogen, die Zukunft schnurrt in schrecklicher Perspektivlosigkeit zu einem kläglichen Rest zusammen, und nichts klingt hoffnungsloser als Sonjas Versuch, den Onkel aufs Jenseits zu vertrösten: «Wir werden glücklich sein!» Da laufen Tränen über Matthes’ Gesicht, bevor es mit offenem Mund und dunklen Augenhöhlen zur Totenmaske erstarrt.
Spätestens an dieser Stelle weiß man: Treffer! Jedenfalls, wenn man, wie ich, Trüffelschwein ist. Als solches sucht man im Auftrag des Berliner Theatertreffens nach den zehn bemerkenswertesten Inszenierungen im deutschsprachigen Raum. Zuvor habe ich als Jurorin für das freie Theaterfestival «Impulse» und die Fördermittelvergabe für Berliner freie Gruppen fünf Jahre lang viele Abende in Off-Theater-Vorstellungen verbracht. Theoretisch ...
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Welch herrlicher Zeitgeist-Quark aber auch! Reden wir nicht lang rum: Peter Steins enthemmte Schiller-Liebedienerei am «Wallenstein» war für mich die schlimmste Theatertortur seit langem; ein monströser, maßloser Theaterschreckensstreich von (die Pausen mitgerechnet) zehnstündiger Dauer. Der Großschauspieler und Titelrollenausfüller Klaus Maria Brandauer trumpfte...
Ja, warum regt sie sich eigentlich so auf? Die nette Lotte aus Remscheid hat offenbar schon ein paar Likörchen intus und hadert sehr aufgekratzt mit sich und ihrem freud- und anschlusslosen kleinen Marokko-Urlaub. Nun sind elf langweilige Tage in Agadir sicher kein reines Vergnügen, aber Weltuntergänge sehen trotzdem anders aus.
Botho Strauß’ monologintensives...
Der raumhohe Kupferkasten, den Johannes Schütz an die Bühnenrampe des Düsseldorfer Schauspielhauses gerückt hat, ist kein Ort für die Liebe als barocke Sinnenlust. Herzog Orsino (Guntram Brattia) krempelt sich die Ärmel hoch, macht sich an die Schwarzarbeit und streicht die spiegelblanken Flächen. Während eine Blackbox entsteht, dunkelt auch der Zuschauersaal...
