Vorwärts im Stillstand

Elfriede Jelinek «Winterreise»

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Walter Scheel saß in den 70er Jahren hoch auf der gelben BRD-Kutsche und hat trotzdem nie singen gelernt. Der deutschen Fernsehshow-Industrie war das egal, Scheel durfte das Volkslied «Hoch auf dem gelben Wagen» fürs ZDF verballhornen. Etwa zur selben Zeit gewann Elfriede Jelinek schreibend Abstand von ihrem toten Vater und ist trotzdem nie mit ihm fertig ge­worden. Friedrich Jelinek starb in der Psychiatrie, dement und ausgesondert, während das lustige Volk im 68er-Reigen um die Linde tanzte. «Aber der Wagen, der rollt.»

Für 1960er-Jahrgänge ist das ein Refrain aus der Kindheit.

Auch für Joachim Schloemer, den Choreografen und Regisseur, der am Theater Frei­burg Jelineks Vater-Tochter-elbstgespräch «Winterreise» inszeniert hat. Eingangs plärrt der Schla­ger aus einem tragbaren Transistor; das Retro-Radio steht einsam auf Jens Kilians blendend weißer Rondellbühne, wie abgestellt und vergessen. Das Jagdhorn schmettert, die Flöte tiriliert, ein paar Bassbeats pumpen den dümmli­chen Karnevalspolonaise-Rhythmus auf, dazu Scheels dünne Stimme vom Kutsch­bock, das klingt eher nach Hilferuf als nach Hitparade; tatsächlich tobt eine Hand­voll Jugendliche herbei und macht Party, und die ...

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Theater heute April 2012
Rubrik: Theater Freiburg, Seite 60
von Stephan Reuter

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