Im Angesicht des Nichts
Die selbstverständlich selbstreflexive Dekonstruktionsfreudigkeit der performativen Künste, in deren Anfänge Handkes «Publikumsbeschimpfung» einmal gehört haben mag, schlägt noch immer die allerkühnsten Kapriolen. René Pollesch zum Beispiel, das ist Metacomedy
für Intellektuelle, die schon alles wissen! Peter Handkes Klassiker von ’68 dagegen ist inzwischen tief in seinen frühstudentischen Sorgen und Manierismen eingemauert. Laurent
Chétouane unternimmt dennoch einen Befreiungsversuch.
Drei Frauen und ein Mann bewegen sich da in wechselnden Kostümierungen (der Mann bald in Frauenkleidern) in einem Bühnenbild, das aus ein paar Gerüststangen, einem Tisch, Stühlen und einem Podest mit Hamlet-Totenschädel besteht, und reden dazu sorgfältig Handkes fossile Sätze aus einer Theorie der theatralen Auflösung und Umkehrung. Sie reden auch darüber, dass das Publikum nun selbst zum ornamentalen Massenschauspiel wird (Handke hat damals seinen Kracauer gewiss gründlich gelesen) und somit auch zur sich einlullen lassenden und ergo mitlaufenden Masse. Sie machen uns ebenfalls klar, dass wir uns hier fernab von jeder Fiktion befinden, von jeder erzählerischen, zeitlichen und räumlichen, dass also ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Februar 2011
Rubrik: Chronik, Seite 52
von Simone Meier
Jede Zeit liebt ihre Schauspieler auch für die Sprachmusik. Alexander Moissi tremoliert am Rande der Erschöpfung, Will Quadfliegs Monologe klingen aus tiefer Brust empor, Bruno Ganz stanzt die Worte, als folge er einem unregelmäßigen Taktstock, und Sophie Rois hustet Noise, wenn ihr Kehlkopf mal wieder zu streiken vorgibt. Auch die letzten Regisseure, die noch als...
Nahe am Bühnenrand, nahe am Abgrund stehen sie, diese beiden Verlorenen, ein Mann und eine Frau. Sie krallen sich aneinander, halten sich zugleich auf Distanz. Es ist spät, Mitch, der bullige, harmlos-hoffnungsvolle Kerl mit der bemüht trendigen Rockabilly-Schmalzlocke, und Blanche, dieses zerbrechliche, fast schon zerbrochene Wesen, sprechen im Halbdunkel die...
In jedem Zimmer des alten Bauernhofs, auf dem Franz Xaver Kroetz lebt, steht eine Schreibmaschine, die nur darauf wartet, dass der Dramatiker endlich wieder saftige Dialoge in sie hämmert. Vergebens: Kroetz hat die Dramenproduktion eingestellt. Er mag nicht mehr, es fällt ihm nix mehr ein, und an sich wäre das auch gar kein Problem: Kroetz hat in seinem Leben ja...
