John Heffernan (George) und Gawn Grainger (Charles) in «Saint George and the Dragon» von Rory Mullarkey, National Theatre, London

«Wer sind wir?»

Parallel zu den schleppenden Brexit-Verhandlungen gibt es in London neue Stücke, die nach der nationalen und individuellen Identität fragen. Von Mike Bartletts «Albion» und Rory Mullarkeys «Saint George and the Dragon», über Rob Drummonds «The Majority» zu interessanten Kommentaren von außen wie Branden Jacobs-Jenkins’ «An Octoroon» und Inua Ellams’ «Barber Shop Chronicles». Simon Stephens’ «Heisenberg» und Richard Beans Young Marx» zeigen derweil, dass sich kommerzielle Hits selbst in London nicht planen lassen.

Theater heute - Logo

Das erste offizielle Brexit-Stück – ohne dass das «B-Wort» je fallen würde – ist Mike Bartletts neuester Wurf mit dem programmatischen Titel «Albion» am Almeida Theatre: eine Subversiv-Variante der Tschechowschen Familie auf dem Lande, die am Ende einer Ära in eine Identitätskrise schlingert.

Doch hier zieht die (erfolg)reiche Unternehmerin Audrey Walters mit unterspanntem Mann und überdrehter Tochter nicht nach Moskau, sondern von London aufs Land, um sich einem neuen Projekt zu widmen: Sie will Albion, einem verfallenen Garten, an den sie sich aus ihrer Kindheit erinnert, wieder zu alter Größe verhelfen und ihn genauso bepflanzen, wie er einst war. Im Almeida reicht er mit tiefgrünem Echt-Rasen und Grenzbeeten wie eine Insel in den Zuschauerraum. So weit, so unsubtil, aber erstmal lustig. Alle drei Walters haben den sprichwörtlichen, irritierenden «sense of entitlement» der britischen Elite: Victoria Hamiltons Audrey steht bei Ankunft selbstzufrieden mit Gummistiefeln im Gras, Gartenschere in der Hand, und trompetet ihre ambitionierte Vision für Albion in die Gegend, während sich Ehemann und Tochter unter der großen Eiche in der Februarsonne gelangweilt an einer Tasse Tee wärmen. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2018
Rubrik: International, Seite 42
von Patricia Benecke

Weitere Beiträge
Neue Formate: In der Meta-Schleife

Man beschwert sich über Ossi-Witze, Privatfernsehen, Rollkoffer auf Pflastersteinen», intoniert ein engagiertes Sangestrio auf der Bühne des HAU 3 mit einer Inbrunst, als handele es sich mindestens um die Wagnersche «Götterdämmerung». Später finden auch «Großkonzerne», «Lebensmittelhypes», «Touristen» und «Fremdenfeindlichkeit» Eingang in den fidel vertonten...

Mainz: Die Tragödie der Selbsterkenntnis

In den großen Nischen der Rückwand des Jugendstil-Schlafzimmers stehen zwei römische Statuen. Im Kingsize-Bett räkeln sich König Oedipus und seine Gattin Iokaste, als wüssten sie nicht so recht, sollen sie nun weiter den Morgen genießen oder sich schon den Regierungsgeschäften zuwenden? Eigentlich ist ja alles in Ordnung, wäre da nur nicht diese Pest, die ganz...

Ewald Palmetshofer: Vor Sonnenaufgang

Nacht ist auch eine Sonne.
Friedrich Nietzsche


Handelnde Personen:
Egon Krause
Annemarie Krause, Egon Krauses zweite Frau
Helene, jüngere Tochter aus Krauses erster Ehe
Martha, ältere Tochter aus Krauses erster Ehe
Thomas Hoffmann, Marthas Ehemann
Alfred Loth
Dr. Peter Schimmelpfennig

Bühne:
Ein Wohnzimmer mit offener, großer Küchenzeile hinten. Eine graue Sitzlandschaft...