Weiß und schwarz
Wer zuhause eine Hölderlin-Ausgabe im Regal stehen hat, lebt gefährlich. Könnte passieren, dass plötzlich ein gutes Dutzend Ordnungshüter im schweren Antiterror-Outfit durch die Haustür drängeln, Nebelgranaten werfen, Maschinenpistolen schwenken und dann die Einrichtung mit viel Liebe zum Detail in Kleinholz verwandeln. Nach zehn Minuten ist das elegante Apartment zerlegt, und die Bühnentechnik braucht die nächste halbe Stunde, bis der teure Schrotthaufen abgeräumt ist.
So geschehen jüngst in der Schaubühne, wo Romeo Castellucci Hölderlins «Hyperion» auf der Eintrittskarte als «Briefe eines Terroristen» bezeichnet und zur Bestätigung die schweren Jungs vom Rollkommando anrücken lässt.
Dabei gibt es nichts Harmloseres als «Hyperion», Hölderlins schwärmerischen Briefroman, in dem sich der schwäbische Hauslehrer in höchsten Tönen in ein idealisiertes Griechenland träumt, wo er eine neue Mythologie aus Naturschönheit und Kunstreligion herbeiraunt: eine ideengeschichtlich skurrile Mischung aus altfränkischem Pietismus, frühromantischer Griechenliebe und spinozistischem Pantheismus.
Davon kann sich jeder überzeugen, der nach der frühen Pause in den Saal zurückkehrt. Der Raum ist ...
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Theater heute Mai 2013
Rubrik: Aufführungen, Seite 9
von Franz Wille
Drei Tage dauerte das Theaterspektakel der «Moskauer Prozesse» in den Räumen des Sacharow-Zentrums. Genau in diesem Saal stürmten im Jahre 2003 rechtgläubige Aktivisten die Ausstellung «Vorsicht, Religion!», genau hier öffnete vier Jahre später die Ausstellung «Verbotene Kunst 2006». Und genau hier schauten am dritten Tag der «Moskauer Prozesse» rechtgläubige...
Angehängt an Wolfram Lotz’ Theaterstück «Der große Marsch» ist eine frisch delirierende «Rede zum Unmöglichen Theater», die man jedem Schauspielschüler, dem sie nicht sowieso schon aus dem Herzen spricht, an den Garderobenspiegel pinnen möchte. Es geht los mit «Die Würstchen der Wahrheit, die für uns gebraten werden, wollen wir nicht mehr essen!», dann verflucht...
Er hält es im Kopf nicht aus. Die Bücher, die auf die Bühne (Bartholomäus M. Kleppek) herabregnen und später aus Ophelias Grab hochgeschleudert werden, geben ihm den Rest. Die Stimmen, die in ihm toben (oder als Sports-Geist in weißer Fechter-Montur auftreten und mit ihm einen Robot-Rap ausführen), muss er aus sich raus lachen. Da kann Hamlet – in Kapuzenjacke und...
