Weihnachten mit Kübelpalme
Nein, es hilft dem Theaterspaß keineswegs immer, im Fall von Romandramatisierungen den Roman vorher zu lesen. Das gilt ganz besonders für Bücher, deren Reiz vor allem in der Sprache und in der Skurrilität des Blickwinkels liegt. Bücher wie Lutz Seilers erstaunlicher Bestseller «Kruso», der 2014 den Deutschen Buchpreis gewann, obwohl er alles andere ist als easy reading, ein poetisch aufgeladenes, unendlich verästeltes Abtauchen in eine ferne Parallelwelt, ins Hiddensee des Wendejahres 1989.
Dorthin flieht Ed, Seilers junger Held mit Alter-Ego-Zügen, nach dem Unfalltod seiner Freundin G., zum «Klausner», einem Ferienheim hoch auf den Klippen, wo ein Trüpplein «Schiffbrüchiger», schiffbrüchig wie Ed im eigenen Leben oder im engen DDR-System, unter Anleitung des Chefabwäschers Kruso den utopischen Versuch des richtigen Lebens im falschen ausprobiert. Auf dass sie nicht nötig werde, die Flucht durchs Wasser ins nahe Dänemark, bei der 174 Menschen zu DDR-Zeiten den Tod fanden.
Der Realsozialismus, vor dem man flieht, ist bei Seiler als schleimiger, abgewrackter Hintergrund der utopischen Aussteigergesellschaft in präzisesten Ekelbeschreibungen am Spülbecken überwältigend präsent, ...
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Theater heute Dezember 2015
Rubrik: Chronik, Seite 68
von Barbara Burckhardt
So viel Wehmut und Euphorie war selten wie letzten Sommer, als Johan Simons nach fünf kurzen Spielzeiten die Münchner Kammerspiele Richtung Ruhrtriennale verließ. Und selten gab es so viel wild oszillierende Debatten um einen neuen Theaterdirektor in der Stadt wie zum Amtsantritt seines Nachfolgers Matthias Lilienthal – lange bevor auf der Bühne selbst überhaupt...
Eigentlich könnte man auch nur dieses Bühnenbild betrachten. Ein Schiff auf einem goldenen Meer unter einem goldenen Himmel, gediegen, vergangen, das gleiche Motiv auf allen Bildern einer Galerie. Da fühlt man sich sofort ohnmächtig. Weil das System so geschlossen ist. So gewaltig und erhaben. Und zugleich so offen. Weil dieses eine Bild durch seine Multiplikation...
Sie sind ein Bild unerschütterlicher Ruhe und Widerstandskraft: Die Kühe, die der japanische Theatermacher Akira Takayama auf schlammigen Weiden, 14 Kilometer vom Kernkraftwerk Fukushima entfernt, gefilmt hat. Dass sie noch leben, «verdanken» sie, wenn man so will, dem nuklearen Super-GAU im Jahr 2011. Ihr Fleisch ist als atomarer Sondermüll unverkäuflich, und...
