Warteraum Vergangenheit

Florian Hirsch über Oliver Klucks «Die Froschfotzenlederfabrik»

Theater heute - Logo

Beschwerdebriefe, so hat es Oliver Kluck einmal erzählt, seien der Auslöser gewesen. Durch wohlformulierte, an den obersten Dienstherrn gerichtete Widersprüche, die er – strafversetzt in die Bundeswehrbibliothek – während seiner Grundausbildung verfasste, hätte er zum dramatischen Schreiben gefunden. Selbst wenn Kluck hier geschwindelt haben sollte, liegt doch eine Menge Wahrheit in dieser Selbstauskunft.  Denn ganz offensichtlich ist da jemand gekommen, um sich zu beschweren.

Alle Kluck-Stücke sind virtuose Erregungen, befeuert von der Ohnmacht ihrer Figuren angesichts einer sie überfordernden, täglich komplexer werdenden Gesellschaft.

Die Frage, die sie stellen, ist die Systemfrage. Drunter macht es dieser Autor nicht. Wenn das «Prinzip Meese», wie es in Klucks Debüt heißt, «das Finden der eigenen Verwirrung» ist, geht das «Prinzip Kluck» noch darüber hinaus: Es entlädt sich in der furiosen Rebellion gegen diese Verwirrung. Auch sein neuestes Stück «Die Froschfotzenlederfabrik» beginnt mit einem Brief, der neben bizarren Andeutungen Daniel Kehlmann betreffend die durchaus populäre Erlösungsfantasie eines bedingungslosen Grundeinkommens in Zweifel zieht und bereits sein großes ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2011
Rubrik: Die neuen Stücke, Seite 163
von Florian Hirsch

Weitere Beiträge
Am Boden geblieben

Heute, gestern oder in naher Zukunft. «In der ausgeräumten Chefetage eines längst aufgegebenen Hochhauses», wie der Autor den Spielort der ersten Szene mit dem Titel «Ich bin da» beschreibt, treffen sich nach langer Zeit zwei alte Freunde aus Studententagen: ICH und ER, beide mittlerweile Anfang fünfzig. Einst wollten sie die Sterne vom Himmel holen, so viel Liebe...

Freiheit!

Die große Wut hatte ich vor etwa 20 Jahren. Das Theater war leidenschaftslos, verbeamtet, routiniert, beschäftigte sich vor allem mit sich selbst. Ich hatte die Nase voll, schmiss alles hin, flüchtete nach Paris, ließ alles liegen.

Wut macht rücksichtslos, aber Wut gehört zur Freiheit. Menschen, die Wut nicht kennen oder Wut nicht wagen oder sie fürchten, langweilen...

Horrorladen Mehrheitsgesellschaft

Wenn ich einen Wutanfall kriege, dann gibt es meistens diesen einen, ganz lichten Moment, in dem mir klar wird, dass doch irgendwie alles mit allem zusammenhängen muss. Das ist der Augenblick, in dem der Anfall in einen Rundumschlag umkippt und ich von der Euphorie, eventuell am Weltgeist geschnuppert zu haben, schier übermannt werde. Dieser überkomplexe...