Reise in die wahre Kälte
Endlich mal wieder Theater mit Vorhang. Und hier geht er nicht nur einmal auf, sondern acht-, neun-, zehnmal, allein in der ersten halben Stunde. Jedesmal eröffnet sich dahinter eine neue Welt, ohne dass ein Wort gesprochen wird. Elfriede Jelineks Textkaskaden als stumme Tableaux vivants – das könnte man für bloßen Regie-Innovationszwang halten. Ist es aber nicht. Was Simon und seinem Spielquartett plus zwanzigköpfiger Statisterie im ersten Drittel der als Triptychon angelegten Aufführung gelingt, ist eine sogkräftige Bilderreise ins Herz der Finsternis dieses Textes.
Die von Simon auch ausgestattete Inszenierung beginnt mit beschwörend raunendem Gesang im Dunkel. Rechts vor der Bühne steht Nina Wurman, die den Bilderreigen mit ihrem Kontrabass begleitet (und dabei von Arvo-Pärt-Elegie bis zum hornissenbrummenden mehrstimmigen Staccato alle erdenklichen Soundeffekte ausreizt). Der Vorhang öffnet sich zum ersten Mal, im nebeldurchzogenen Licht steht eine Schar unheimlicher Hybridwesen: Tierköpfe auf Menschenkörpern. Regungslos, minutenlang. Ein Einstieg, der mit bedrohlicher Ruhe alle Erwartungen wegräumt, die an einem Jelinek-Abend so im Parkett schweben könnten.
Jelinek ohne ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juni 2011
Rubrik: Aufführungen, Seite 36
von Andreas Jüttner
Ausgerechnet eine Frau mit Namen Schlicht bringt die Utopie von gestern zu Fall. Dabei hatte doch alles ein paar Jahrzehnte lang gut funktioniert. Auf einer einsamen Insel haben sich ein paar Gleichgesinnte zusammengefunden, die auf Geld verzichten, einander bei allen täglichen Verrichtungen helfen und ganz bescheiden von Ackerbau und Viehzucht leben. Was man...
So schön wäre es, jemand anderes zu sein! Strategien zur Änderung des Lebens präsentieren zwei Zürcher Premieren: Am Schauspielhaus inszeniert Chefin Barbara Frey Anton Tschechows «Platonow». Für das Theater Neumarkt stellt Co-Leiterin Barbara Weber Luigi Pirandellos «Die Nackten kleiden» in einem Nachtclub auf die Bühne. Unzufrieden ist das Personal, dem sich die...
Wer gedacht hat, über Thomas Bernhard sei schon alles gesagt, wird sich wundern. In Sepp Dreissingers «Was reden die Leute» sind 58 Begegnungen mit Nachbarn, Freunden, Bekannten versammelt, die sich an den Schriftsteller, Dramatiker, Grundbesitzer und österreichischen Hassliebenden erinnern. Zum Beispiel der Maler Gerhard Weigl, der Bernhard Mitte der 60er Jahre...
