Das Theater behindern

Kontroverse Perspektiven auf Jérôme Bels «Disabled Theater»

Theater heute - Logo

Je mehr ich mich bemüht habe, desto weniger konnten sie es ertragen. Und plötzlich fühlte ich, dass ich sie genauso entfremde, wie sie im alltäglichen Leben entfremdet werden, wenn Leute sie dazu bringen, Dinge zu tun, die sie nicht tun wollen», erklärt der Choreograf Jérôme Bel zum Hintergrund der Inszenierung «Disabled Theater», seiner Zusammenarbeit mit dem Züricher Theater Hora und elf Schauspielern mit geistiger Behinderung.

«Aber ich habe drei Wochen gebraucht, um zu diesem Punkt zu kommen; drei Wochen, in denen ich sie dazu bringen wollte, etwas Aufwändiges, etwas Anspruchsvolles, etwas Konzeptionelles, etwas Schönes zu machen.»

Was ist schön?

Vor dem Hintergrund des Gesprächs, das Jérôme Bel mit den beiden Theaterwissenschaftlern Sandra Umathum und Benjamin Wihstutz geführt hat, erscheint sein Konzept, die Schauspieler mit geistiger Behinderung als «sie selbst» zu inszenieren, einen Moment lang völlig plau­sibel, ja geradezu notwendig. Dann aber stellt sich Irritation ein: Aus welcher Perspektive beurteilt Bel gerade, was aufwändig, anspruchsvoll oder schön ist? Wollte die Inszenierung die normativen ästhetischen Kriterien in Kunst und Gesellschaft nicht unterlaufen? Gehört ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Dezember 2015
Rubrik: Bücher, Seite 59
von Anja Quickert

Weitere Beiträge
Bachmanns Rache

Verachtung ist leicht, Verständnis ist schwer. Und Gefühl ist gefährlich. Horváths «Geschichten aus dem Wiener Wald» sind in den letzten Jahren zum Übungsfeld für Figurenverachtung und Emotionszersetzung geworden. Stefan Bachmanns Kölner Inszenierung setzt diese Entwicklung fort und dreht die Schraube noch etwas weiter in diese Richtung. Nichts ist neu: Die riesige...

From outer space

Naomi und East haben schon länger über Nachwuchs nachgedacht. Doch der Säugling, der vor ihrer Tür abgestellt wurde, ist eine ziemliche Her­ausforderung. Noch keine Stunde alt, bittet er seine Wahleltern, ihn Christopher zu nennen, Augenblicke später befindet er sich mit unbändigem Wissensdurst in der Pubertät, schreibt Gedichte und löst mathematische Gleichungen....

Tot oder lebenssteigernd?

«Pop ist tot», proklamierte Bernadette La Hengsts Diskursrockband Die Braut haut ins Auge 1998, «die Leiche ist noch warm und das Messer rot.» Worauf sich die Band folgerichtig auflöste; La Hengst zog von Hamburg nach Berlin und startete nicht ohne Erfolg eine zweite Karriere als Theaterregisseurin. Der Pop also ist Geschichte (obwohl La Hengst bis heute Musik...