Neurosen sprießen
«Sterben ist etwas mehr als Harlekins Sprung» (Schiller). Aber Sterben will ja auch keiner. Also Harlekins Sprung! So dürfte es sich Junghausregisseur Martin Laberenz gesagt haben, ehe er sich erstmals auf die Große Bühne des Centraltheaters schwang, um dort «Die Räuber» Purzelbäume schlagen zu lassen.
Wie in Persiflagen von Mel Brooks wird bei ihm ein Schiller für Bescheidwisser durchturnt: in historischen, aber gern heruntergelassenen Kostümen, vor mehreren hübsch bemalten, doch bald weggerissenen Bühnenvorhängen (von Susanne Münzer), angereichert mit zügig herbeizitierten und blitzschnell vergessenen Halbweisheiten eines Daniel Kehlmann oder eines Marquis de Sade.
Es sind Stilmittel der Castorfschen Volksbühne aus den 1990er Jahren, aus denen Laberenz seinen Abend mixt. Aber er tut es nicht ohne Leidenschaft und keineswegs ohne szenische Erfindungskraft. Wieso sollten Theatersprachen auch ein Verfallsdatum haben? Was die Last der Epigonalität anbelangt, die rollt die Inszenierung höchst selbstbewusst schon von allein hin und her. Marina Frenks Amalia borgt sich ihre Femme-fatale-Identität aus einem Song von Velvet Underground, ehe sie Vater Moor (als Komikautomat: ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Irgendwann geht ein tropischer Regenguss nieder. Dann legt der Eingeborene seine Schamanenpranke auf den Körper des Mitteleuropäers, worauf der mal kurz vom Scheitel bis zur Sohle zuckt. Der Gute heißt Felix, ist im Moment aber alles andere als glücklich. Da sitzt er doch tatsächlich zusammen mit der Lisa und der Pascale irgendwo in den südamerikanischen Tropen,...
Man hat in Ivo van Hoves Molière-Inszenierung verdächtig viel Zeit, sich über die Requisite Gedanken zu machen. Zum Beispiel über das Party-Buffet, das die schicke Clique des It-Girls Célimène an einem Freitagabend auf ihrem Wohnzimmertisch auspackt. Ist es plausibel, dass diese gut gekleideten Yuppies, die ständig auf teuren Mobiltelefonen und Handrechnern online...
Der Anfang des Fünfteilers ist für Polen eine Schmerzstelle: «Wir lagen zwischen Moskau und Berlin ... Zweitausend Kilometer weit Berlin / Einhundertzwanzig Kilometer Moskau», denn das besetzte Polen kommt in Müllers Stück über die Spur der Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg mit keiner Silbe vor. Im Teatr Polski wird diese Eröffnung unzählige Male wiederholt und auf...
