Rasender Stillstand
Die Tat ist der Traum: Neun Schauspieler stehen an der Rampe mit Büchern in der Hand und lesen, nein: schreien, wüten, trampeln die Zentral-Episode von Dostojewskis Roman «Verbrechen und Strafe» aus ihren Körpern heraus, den «Traum vom Pferdchen und der Peitsche», deren Text derweil hinten auf der Leinwand abläuft.
Eine geschlagene Viertelstunde lang steigert sich in Bochum mit brutaler Wucht die Erzählung des siebenjährigen Raskolnikow, der Zeuge wird, wie ein «kleines mageres fuchsbraunes Bauernpferdchen» von einer feisten Wirtshausmeute zu Tode geprügelt wird, aus reiner Lust am Quälen. Schließlich holen die Schauspieler ihre Peitschen heraus und schlagen auf ihre Bücher ein, die bald in Fetzen und Einzelteilen herumfliegen, vernichten in einer Art kannibalistischem Akt die Grundlage ihrer Performance, ein Exorzismus der Worte: Die Gewalt an sich zerstört ihre Vermittlerin, die Sprache, und bleibt als rohe Grundkonstante des Lebens zurück.
Ein Bild, das nachhaltig verstört. Zugleich erklärt die brutale Episode bei Dostojewski psychologisch, wie dem zutiefst getroffenen Kind Raskolnikow die Empathie verloren ging. Als Jana Schulz dann als erwachsener Raskolnikow in olivgrünem ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute November 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 17
von Dorothea Marcus
Es ist das ultimative Grauen, der Tiefpunkt im Leben von TV-Mann Phil Connors: der traditionelle Murmeltier-Tag in Punxsutawney. Im Zeitschleifen-Selbstopimierungs-Klassiker «Und täglich grüßt das Murmeltier» ist Connors (Bill Murray) dazu verdammt, die ödesten aller öden 24 Stunden wieder und wieder zu durchleben, bis, ja bis es ihm gelingt, das absolut Beste aus...
Besonders alt wurde die DDR ja – aus guten Gründen – nicht. Und ihre vier Jahrzehnte überbordend spektakulär zu finden, wäre ein ziemlicher Euphemismus. In der Saison 89/90 allerdings – beim Endspiel – hat sich die kleine Diktatur tatsächlich noch mal ordentlich ins Zeug gelegt. Todesmutige Montagsdemonstrationen, der Mauerfall, Helmut Kohls vorweihnachtliche...
Dass Ultras ihren Fußballclubs nicht nur schaden, sondern ganz im Gegenteil auch behilflich sein können, haben die Fans des 1. FC Nürnberg bewiesen. Sie – und nicht etwa Historiker oder vom Verein bestellte Rechercheure – holten ein lange verschwiegenes Kapitel aus der Geschichte des legendären Clubs hervor und präsentierten es in einer aufsehenerregenden...
