Alles Komödie

Zum Tod von Benno Besson

Theater heute - Logo

Der achtzigjährige Besson war immer noch jung: der wilde Lockenkopf grauweiß, unter den emporgesträubten, dicken Augenbrauen funkelten die Augen, die Nase kräftig, die dicke Unterlippe hängend. Nur die Falten von den Nasenflügeln abwärts noch tiefer eingekerbt als früher. Ein clownischer Charakterkopf. Die über viele Register gebietende Stimme immer noch mit schwyzerisch-französischem Akzent, lustig und listig eingesetzt im Kampf mit der deutschen Grammatik.

 

Die Krankheit, der Krebs, hat ihn eingeholt bei der Arbeit an der Comédie Française, am sophokleischen «Ödipus», den er fast vierzig Jahre früher, 1967 am Deutschen Theater, als «Ödipus Tyrann» in der von Heiner Müller bearbeiteten HölderlinÜbertragung zum ersten Mal inszeniert hatte – auf einer gestuften Bretterbühne von Horst Sagert, der den Spielern kostbar und afrikanisch wirkende lederne Maskenköpfe aufgesetzt hatte. Ödipus, von Fred Düren gespielt als ein Dekadent, der geziert seinen verkrüppelten, den «Schwellfuß», vorzeigte, die bei der Aussetzung als Säugling erlittene Deformation als auszeichnende 

Besonderheit, als Herrschaftsmittel. So schaffte Besson auch die metaphysisch verhängte Tragik, das schuldlos Schuldige ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2006
Rubrik: Nachruf, Seite 34
von Henning Rischbieter

Vergriffen
Weitere Beiträge
Holzfällen im Kirschgarten

Mehr als vierzig Jahre, nachdem er seine Heimat fluchtartig verlassen hatte, kehrte Peter Turrini heim nach Kärnten. Genauer gesagt, in jenen vergleichsweise kleinen Teil Kärntens, an dem er sich nach eigenen Angaben noch heimisch fühlt: «das Quadratmeterausmaß der Bühne des Klagenfurter Stadttheaters». Hier wurde, dreieinhalb Jahre nach dem spektakulär gefloppten...

Es ist Tauwetter!

Europa liegt in Trümmern, zerbombt von Terroristen. Aus dem Radio ruft die «Stimme der Revolution» die im Westen angekommenen Tschechen nach «Bugulma», der vermeintlich letzten Bastion des Kommunismus. – Wer möchte, kann sich hier einen gesellschaftspessimistisch abgedrehten Science-Fiction vorstellen, aber Jachym Topols böse Satire «Die Reise nach Bugulma» ist...

Der Fall Stadelmaier

Der Kritiker über sich

Ich hatte mich auf die Premiere gefreut. Und hätte gerne über sie geschrieben. Doch das geht jetzt nicht. Statt dessen ist von einem Skandal zu berichten. Ich wurde von einem Schauspieler körperlich genötigt, nach ungefähr zwanzig Minuten das Theater zu verlassen. Dabei rief er mir die schönen deutschen Sätze «Hau ab, du Arsch! Verpiß dich!...