Emotionale Beschädigungen
Irgendwann spannt und ziept das Kleid doch so arg, dass es sich nicht mehr ignorieren lässt: Die Frau ist schwanger und weiß nicht, warum. Inmitten von Kriegswirren ist sie in andere Umstände gekommen und wird von ihrer Familie verstoßen – zumindest, bis die mysteriöse Vaterschaft geklärt ist. Heinrich von Kleist hat daraus seine gesellschaftskritische Novelle «Die Marquise von O....» gemacht, Armin Petras den ersten Teil eines Doppelabends, der sich zwei Frauenschicksalen widmet, zwischen denen rund 200 Jahre liegen.
Aus dem frauenfeindlichen 19.
Jahrhundert stammt Kleists schwangere Marquise, eine zeitliche Verortung deuten aber nur die Kostüme von Aino Laberenz an. Ansonsten zeigt sich die Inszenierung minimalistisch und setzt auf die Wirkung der Schauspieler. Das funktioniert, zumindest was die Besetzung der Hauptfigur angeht: Die Naivität, mit der Fritzi Haberlandt ihre Marquise auftreten lässt, ist anrührend. Sie ist eine Tagträumerin mit Blockflöte, die, wenn der zugereiste Graf (Hans Löw) um ihre Hand anhält, unschuldig-schnoddrig in die Familienrunde fragt: «Was habt ihr denn so fürn Gefühl?» Mädchenhaft und verspielt steht sie einer steifen Anstandswelt gegenüber, deren ...
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Theater heute Juli 2014
Rubrik: Chronik: Stuttgart, Seite 55
von Kristin Becker
Natürlich wäre Henry Hübchen die perfekte Besetzung gewesen. Für die Rolle des Frank Castorf kaum sichtbare fünf Jahre zu alt, aber in ähnlich ganzjährig gebräunter Top-Form wie der ewige Intendant vom Rosa-Luxemburg-Platz. Ebenfalls gebürtiger Berliner (wenn auch Charlottenburg statt Prenzlauer Berg) und also von Kindesbeinen an ausgestattet mit der lokalen...
Wir leben. Wir leben. Hauptsache, wir leben, und viel mehr ist es auch nicht als leben nach Verlassen der heiligen Heimat. Keiner schaut gnädig herab auf unseren Zug, aber auf uns herabschauen tun sie schon. Wir flohen, von keinem Gericht des Volkes verurteilt, von allen verurteilt dort und hier. Das Wißbare aus unserem Leben ist vergangen, es ist unter einer...
Eine Fabrik, deren Produkt für den Energiehunger der Industrie unerlässlich ist, fliegt in die Luft. Arbeiter sterben. Der Betreiber ist erschüttert und will die Produktion einstellen. Aber von seinem Vorschlag, die auf sein Produkt angewiesene Industrie entsprechend umzurüsten, halten die Wirtschaftsbosse nichts: «Die Kosten wären Ruin!», empören sie sich.
Was aus...
