Kurz vor dem Abgrund
Pilgern ist Pop in diesen Zeiten. Als der Papst kam, feierten im karnevalserprobten Köln katholische Jugendliche in unübersehbaren Massen unterm Kreuz ihre neu entdeckte Spiritualität, und es war nicht immer ganz klar, ob sie gerade «Helau» oder «Heiland» riefen: Pilgern ist zum Event verkommen, bei der der einsamen lieben Seele keine Ruhe mehr gelassen wird. Pilgern ist hip, und wer da noch allein und büßend auf einem Jakobsweg (was auch schon fast nicht mehr möglich ist) in Gedanken und voller Reue vor sich hin stolpert, wird nur noch milde belächelt.
Für Erika, die sanfte Pilgerin aus Lukas Bärfuss’ Schauspiel «Der Bus (Das Zeug einer Heiligen)», wären solch vergnügliche Volksfest-Vespern und illuminierten Erweckungsinszenierungen allerdings nichts. Auf der Dom-Platte am Rhein hätten die La-Ola-Wellen der Benedikt-Fanclubs sie fortgeschwemmt wie eine orientierungslose Oblate.
Denn sie will doch nur eins sein mit ihren Sünden und mit ihrem Herrn im Himmel, wenn sie sich auf den Weg macht zur Schwarzen Madonna nach Tschenstochau. Dumm nur, dass sie vor lauter Versunkenheit ins falsche Verkehrsmittel gestiegen ist und sich jetzt als blinde Passagierin nicht etwa vor Gott, sondern ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Herz, mein Herz, was soll das geben? Was bedränget dich so sehr?», will man mit dem lyrischen Goethe emphatisch ausrufen, wenn einem im Bochumer Schauspielhaus Herzfrequenz-Töne entgegenwummern. Im Dunkeln kauert vor einer hochragenden, alles beherrschenden Wand Antigone. Der Clou der von Tina Lanik inszenierten Sophokles-Tragödie (Übersetzung Walter Jens) ist die...
Die Dramaturgie ist von klassischer Schönheit: Auf eine gemütliche Introduktion (Einführung der Protagonisten, Ensemblebildung, Problemexposition) folgen sukzessive Zuspitzung, erste Konflikte, Beschleunigung des Tempos bis zum Crescendo, Peripetie, schließlich Showdown und Resultat. Danach die Kritik.
Das Stück heißt: «Zehn Mal bemerkenswert!» Die Protagonisten,...
Ganz am Schluss heißt es plötzlich im Programmheft: «ja / ja / ja / ja / ja / jajaja / ja / ja / ja / ja / ja / ja / jaaa / mein Gott / ist das geil». Der Titel des Gedichts (bitte laut lesen): «Im Bett», der Autor: Rainald Goetz. Dass diese rundum begeisterten Zeilen der deutschen Popdichterikone, dass diese nackte Affirmation hinter Max Frisch, Sigmund Freud,...
