Die Prinzipienreiter

... galoppieren über Hamburgs Bühnen: Am Thalia Theater macht Antù Romero Nunes aus Michael Kohlhaas einen Reichsbürger, am Schauspielhaus setzt Karin Beier Joachim Meyerhoff als Shylock im «Kaufmann von Venedig» ins (Un-)Recht

Theater heute - Logo

Sie beharren beide auf ihrem formalen Recht und verlieren sich in ihren Rachefeldzügen. Die Rezeption des Shylock, Shakespeares jüdischem Pfandleiher, der dem Kaufmann von Venedig Antonio ein Pfund Fleisch aus dem Körper schneiden will, befindet sich dabei spätestens seit der Indienstnahme des Stücks für den nationalsozialistischen Antisemitismus auf heiklem Terrain, während Kleists brandschatzender Pferdehändler Michael Kohlhaas schon von seinem Schöpfer im Ambivalenzraum als «zugleich rechtschaffenster und entsetzlichster Mensch seiner Zeit» verortet wurde.

In Hamburg kann man zur Zeit beide Prinzipienreiter sehen.

Kleists stumme Nachfahren

Am Thalia Theater macht Antù Romero Nunes gleich zu Beginn kurzen Prozess: Das Fallbeil lässt Kohlhaas’ Kopf effektvoll in den Korb purzeln, während Wolf-Dietrich Sprengers sonore Stimme aus dem Off das Ende der Novelle aus dem Jahr 1808 verliest: «Vom Kohlhaas aber haben noch im vergangenen Jahrhundert einige frohe und rüstige Nachkommen gelebt.» 

Dann schließt sich der rote Samtvorhang, kassiert den Szenenapplaus und öffnet sich wieder: in unserem letzten Jahrhundert, als die Faxgeräte noch eifrig Papier ausspuckten, Kaffeekocher ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2018
Rubrik: Aufführungen, Seite 17
von Barbara Burckhardt

Weitere Beiträge
Daten (3 2018)

Aachen, Grenzlandtheater
14. nach Rostand, Cyrano de Bergerac
R. Ulrich Wiggers
 
Aachen, Theater
16. nach Fassbinder, Die bitteren Tränen der Petra von Kant
R. Martin Schulze
22. Dlé, Android ergo sum (U)
R. Florian Hertweck
24. Schiller, Die Räuber
R. Ewa Teilmans

Augsburg, Theater
10. Ripberger, 1968: Geschichte kann man schon machen, aber so wie jetzt ist’s halt scheiße...

Schreiben wie für ein Konzert

Hat man schon mal einen Dramatiker erlebt, der die Sprache einen «Horror» nennt und dabei mit Wittgenstein argumentiert, dem Logikfreak und Sprachphilosophen? Österreicher, meint der Österreicher Thomas Köck, würden der Sprache so fremd gegenüberstehen, dass sie ihr nur auf der Ebene des Horrors begegnen, sonst würden sie gleich gar nicht reden. Und das könne man...

Dramatischer Suchtstoff

Du bist wirklich verrückt geworden, Alfred», diagnostiziert Charlotte absolut zutreffend und klingt dabei eher zoologisch interessiert als irgendwie aufgebracht. Chapeau: Schließlich befindet sich die Mittvierzigerin mit ihrem Gatten auf dem Rückweg ins Hotel nach einem Dinnerausflug, in dessen Verlauf der Inhalt (mindestens) eines Rotweinglases in ihrem Gesicht...