Was denkt Nanine Linning

Nanine Linning über die Distanz zwischen Tänzer und Zuschauer

Tanz - Logo

Der Mensch sieht am liebsten anderen Menschen zu. Deshalb gibt es für mich nichts Herrlicheres, als kopfüber im Plüsch des Theatersessels zu versinken und zu schauen und zu erfahren.

Doch die architektonische Form des Theaters, wie wir sie seit dem 18. Jahrhundert kennen, gründet sich auf einem absolut idiotischen Konzept. Denn begreift man das Theater als einen Ort, an dem sich Kunst und Zuschauer begegnen, ist es doch eine verrückte Idee, dass es aus zwei einander gegenüberstehenden Gebäuden besteht: dem «Bühnenhaus» und dem «Zuschauerraum».

Die Künstler und Zuschauer betreten das Gebäude über ihren je eigenen Eingang, um sich lediglich auf der Scheidelinie des Bühnenrahmens zu begegnen, und sie verlassen es anschließend wieder über ihren je eigenen Ausgang. Andererseits hat die Architektur des Theaters in ihrer zwingenden Funktion auch etwas Geniales: Sie macht das Theater zu einem Ort, an dem die Codes so definiert sind, dass man sich setzt, den Mund hält und eine Vorstellung über sich ergehen lässt.

Während ein Picasso vielleicht mit einer neun Sekunden dauernden Andacht des Betrachters auskommen muss, können die Bühnenkünste für einige Stunden mit der ungestörten ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Februar 2007
Rubrik: Was denkt..., Seite 72
von Nanine Linning

Vergriffen
Weitere Beiträge
Chandralekha

«Ich bin nicht nur eine Frau, die heute lebt. Ich bin alle Frauen, die je gelebt haben.» Die indische Choreografin Chandralekha lebt nicht mehr, und doch lebt sie weiter in ihrer für den zeitgenössischen Tanz in Indien so bahnbrechenden wie emanzipatorischen Arbeit. In ihren Schülerinnen und Schülern. Und in ihrem choreografischen Werk, auf das man die vielseitige...

Matteo Levaggi

Matteo Levaggi, a former dancer for Aterballetto and the youngest rising talent in Italian postclassical ballet, likes to give his ballets philosophical-sounding titles such as “Canto bianco in un momento di orizzonte verticale” (White Singing in a Moment of Vertical Horizon), created for Balletto Teatro di Torino to music by Steve Reich. As resident choreographer,...

Off the grid

Trisha Brown, before founding The Trisha Brown Dance Company in 1970, you worked with the Judson Dance Theatre – a group of avant-garde artists who rejected the confines of modern dance, creating their own aesthetic that marked the world of dance of the 1960s. What is your instinctive reaction when revisiting the esoteric works that you created at the outset of...