Vaslav Nijinsky

Wie kann man noch heute einen Tänzer lieben und bewundern, den keiner von uns Lebenden je tanzen sah?

Tanz - Logo

In der Nationalbibliothek von Paris suche ich Bildmaterial für eine Veröffentlichung über die Ballets Russes. Aus einer Plastikhülle nehme ich eine Fotografie von Vaslav Nijinsky, die den Tänzer im Kostüm von «Le Spectre de la rose» zeigt. Auf seinem Haupt befindet sich die berühmte mit Rosenblättern übersäte, von Léon Bakst erfundene Kopfbedeckung. Dieses Foto – von Auguste Bert 1911 aufgenommen – zeigt Nijinskys Gesicht so nah, dass sogar die Poren seiner Haut zu sehen sind. Sehr direkt und schamlos blickt er ins Objektiv, als wolle er die Betrachterin prüfen.

Die Stärke seines Ausdrucks, die Frische seines Gesichts – für einen Augenblick lösen sie in mir das makabre Gefühl aus, als wäre Nijinsky von den Toten auferstanden.

Dieses Bild besitzt jenes berühmte Doppelgesicht, das Roland Barthes in seinem Buch «Die helle Kammer» beschreibt. Auf der einen Seite sieht man auf dem Bildnis den bekannten St. Petersburger Tänzer in einer seiner größten Rollen, als eine Art Bestätigung seiner gepriesenen Qualität als Tänzer der Ballets Russes. Barthes nennt es «studium» und meint jenen Anteil am Bild, der ein kulturelles Wissen des Betrachters voraussetzt: Dies sei Nijinsky und kein anderer. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Mai 2009
Rubrik: Hommage, Seite 8
von Patrizia Veroli

Vergriffen
Weitere Beiträge
Der Kultur-Obama

Der Mann ist ein Roter und kein Schwarzer: In diesem Fall meint das nicht seine Hautfarbe, sondern die Parteizugehörigkeit. Aber man kann Hans-Georg Küppers dennoch guten Gewissens einen Kultur-Obama nennen, der in noch nicht einmal zwei Jahren als Münchner Kulturreferent konsequent kittet, flickt, re- und neu konstruiert, was seine Vorgängerin Lydia Hartl in sechs...

Mit den besten Empfehlungen: Wo Nijinsky und die Ballets Russes

Monte Carlo

«Étonnez-moi», soll Sergei Diaghilev zu Jean Cocteau gesagt haben. Unter diesem Titel gibt es nicht nur im Neuen Nationalmuseum von Monaco, in den Räumen der Villa Sauber und im Sporting d’Hiver, eine Ausstellung zum Thema «Serge Diaghilew et les Ballets Russes». Jean-Christophe Maillot, Direktor der Ballets de Monte-Carlo, scheint selbst mit seinem...

Brief vom Faun

Choreografen, Ihr benutzt mich, als wär ich Euer Liebhaber. Und zärtlich seid Ihr zu Eurem Faun ja auch nicht. Tero Saarinen, der Finne, beschießt mich mit Videos. Anna Ventura, die Katalanin, pflanzt mich auf einen Eisblock. Bernardo Montet macht aus mir ein Reptil. Bei Jean-Claude Gallotta musste ich Bart tragen. Hat man als himmlischer Hirte der Natur nicht...