tanzendes antlitz
Vielleicht ist es so gewesen: «Rodin erfasste mit einem Blick ihren gedrungenen Körper von der etwas unbeholfen aufgesteckten Takashimada-Frisur bis zu den in weißen Strümpfen und Chiyoda-Sandalen steckenden Füßen und drückte ihre kleine feste Hand.»
Irgendetwas an dieser Frau, die da plötzlich in seinem Atelier steht, ist faszinierend. Der Bildhauer wendet sich an den Dolmetscher: «Mademoiselle kennt doch meinen Beruf? Ob sie sich wohl auszieht?» Die Frau willigt ein. Rodin zückt den Stift.
Es vergehen zehn, zwanzig Minuten, die Frau bewegt sich durch den Raum, hält hin und wieder inne, der Stift saust über das Papier. Was er festhält, gerinnt zu zarten Linien: ein angewinkeltes Bein, ein Ausfallschritt, ein seitlicher Sitz mit aufgestützten Armen. Nichts Spektakuläres. Und doch lobt der Künstler anschließend: «Mademoiselle hat einen wirklich schönen Körper. Sie hat gar kein Fett und die Muskeln sind einzeln sichtbar. Wie die Muskeln bei Foxterriern. Da sie starke, stämmige Beine hat, sind die Gelenke genauso groß wie die Hände und Füße.» Was dieses Modell vermag, gebietet Respekt: «Sie ist so kräftig gebaut, dass sie beliebig lange auf einem Bein stehen und dabei das ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz August/September 2016
Rubrik: Traditionen, Seite 59
von Dorion Weickmann
Ein Paradox? Wer in der einzigartigen, der zeitlosen Stadt Venedig eintrifft, steht sogleich unter dem Eindruck einer eklatanten Hässlichkeit: Tausende verschwitzter, erschöpfter, orientierungsloser Besucher irren, im uniformen Look des weltweiten Massentourismus, zwischen Bergen herumstehender Gepäckstücke durch den Hauptbahnhof, die Stazione di Venezia Santa...
Zu Beginn ist graubrauner Sand zu sehen, trockenes Strauchwerk. Durch die Ödnis fährt langsam ein Filmblick. Nach Verlorenheit sieht das aus und hässlich. Aber es ist heiliges Land, ist Israel. Vermutlich, denn es steht nicht dran. Das Video ist der Prolog zu «Leviah», dem neuen Tanzstück von Reut Shemesh, für das die gebürtige Israelin Erinnerungen an ihre...
Strahlende Gesichter am Théâtre National de Chaillot. Dessen Intendant Didier Deschamps musste sich nach einer Amtszeit von fünf Jahren einem erneuten Auswahlverfahren unterziehen – mit harter Konkurrenz. Für den Tanz stand viel auf dem Spiel, denn die aussichtsreichsten Nachfolgekandidaten kamen aus dem Bereich Theater. So Masha Makaïeff, Intendantin des größten...
