Tanzen wie die Neuronen

Der prominente Hirnforscher Wolf Singer besucht William Forsythes Choreografie «Heterotopia». In seiner Begleitung Anke Euler. Beide wollen wissen, wie sehr Forsythes Choreografien unsere aktuelle Welt spiegeln

Tanz - Logo

Wolf Singer,
erzählt Ihnen William Forsythes Choreografie etwas über die Struktur unseres Wahrnehmens und Denkens? Ich denke schon. Charakteristisch ist in all seinen Inszenierungen die Parallelität der Ereignisse. Es passiert immer an vielen Orten gleichzeitig etwas, das sich selbst organisiert. Wenn man das Netzwerk der Bezüge anschaut – dazu braucht man allerdings eine Analyse, man müsste die Tänzer interviewen, um zu wissen, wann sie was machen –, dann wird deutlich, dass ein Geflecht entsteht wie im Gehirn auch.

Es gibt einerseits Wechselwirkungen zwischen direkten Nachbarn, daraus entsteht dann eine lokale Dynamik, die etwas initiiert. Zwei Tänzer sitzen zum Beispiel am Ende der Bühne und warten. Dann passiert etwas und triggert zum Beispiel bei einem Dritten in der Mitte der Bühne ein Verhalten, und wenn dieser in eine ganz bestimmte Phase seiner Bewegung kommt, singen die anderen zwei dazu. Das ist sehr weiträumig komponiert und hat viel Ähnlichkeit mit sozialen Systemen. Dort gibt es zahllose Verbindungen zwischen nächsten Nachbarn und Langstreckenverbindungen, wie z. B. Verwandte und Freunde, die am anderen Ende der Stadt wohnen, die man aber anrufen kann. Es gibt also ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz April 2009
Rubrik: Tanzkunst, Seite 56
von Wolf Singer

Vergriffen
Weitere Beiträge
Martin Landzettel

Warum sollte sich ein Tänzer für Stimmphysiologie interessieren?                                   Als unsere Vorfahren im Zeitalter der Brachiatoren, der Armhabenden, an Land kamen, bildete sich ein Ventil im Atemtrakt, das die Luft am Ein- oder Ausströmen hindert und hilft, einen Kräftepulk zu entwickeln für das, was man äußerlich tut, etwa das Abstoßen oder das...

Marco Goecke, Scapino: "4x20 Storyproof"

Marco Goecke, Scapino
«4x20 Storyproof»

nennt sich der neue Abend des Scapino Ballet Rotterdam und stellt mit Marco Goecke, Georg Reischl, Christophe Garcia und Ed Wubbe gleich vier Choreografen als «abstrakte Geschichtenerzähler» vor. Auf den Haus-Choreografen des Stuttgarter Balletts trifft die Kennzeichnung insofern zu, als sich Marco Goecke hier auch in seiner...

Keine Spur von Alterung

Warum nicht gleich «Le Martyre de Saint-Sébastien»? Das Debussy-Ballett, zuletzt von Uwe Scholz für die Mailänder Scala choreografiert, hätte Vladimir Malakhov bei der Premiere keine Buhrufe eingetragen. Sie waren auch bei «Caravaggio»  nicht wirklich gerechtfertigt. Doch während hier die Geschichte des italienischen Malers ein Vorwand scheint, den männlichen...