Tanz im TV
Der Hamburger Ballettchef John Neumeier sucht Nijinsky überall, den Startänzer der Ballets Russes. Fast wirkt Neumeier selbst wie ein Sergei Diaghilew, der als Waslaw Nijinskys Mäzen kein Impresario sein wollte, «denn Impresarios galten als Diebe». Von Kindesbeinen an ist Nijinsky sein Vorbild; auch eins von Neumeiers Hauptwerken heißt «Nijinsky». Seine Tänzer sind dessen Verkörperungen. Alexandre Riabko kommt Nijinsky vom Gesicht her am nächsten, Otto Bubeníček ist der glücklichste Goldene Sklave, Lloyd Riggins ein perfekter Petruschka.
Neumeier führt die Filmemacherin Annette von Wangenheim durch seine uferlose Nijinsky-Sammlung, «um von diesem Künstlermenschen immer etwas zu spüren». «Der Mann hat eine wechselbare Kraft», sagt Neumeier, der Liebende, und: «Das Schwerste ist, mit dem Alten nicht rückblickend zu wirken.» Neumeier hasst das Süßliche, Kitschige, Vergangene und überrascht, als er sagt: «Ich sehe Ballette fast immer wie Filme – die Disziplin der Zeit ist eine ähnliche.» Vor Annette von Wangenheims Kamera sieht man Neumeier im Recht: in der feinen Zeichnung der Tänzer, der Details, vor allem in der kurzweiligen Auswahl der Bilder. 90 Minuten nimmt Neumeier sein ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tatjana Barbakoff
Ihr großflächiges, blasses Gesicht mit den stark geschminkten Lippen leuchtet zwischen den Anzügen der Herren im Café. Das Foto, das die lettische Tänzerin jüdischer Herkunft im Pariser Exil zeigt, stammt aus dem Film «Tanz unterm Hakenkreuz» und bleibt haften. Die Erscheinung der 1899 geborenen Tänzerin faszinierte in den Zwanzigern in...
Das Theater hat den Tanz gezwungen, Theater zu sein. Keine wirklichen Gefühle dürfen gezeigt werden, jede Bewegung ist berechnet, aus der Rhetorik der Schauspieler wurde eine Dramaturgie der Schritte. Damit entfernte sich der Tanz von jenen Gefühlen, die er in jedem Tanzenden selbst auslöst: eine Lockerung der Seele durch die Freiheit der Glieder. Vielleicht ist...
Tanzen kann man überall. Im Wohnzimmer, in der Wüste Negev, im Fahrstuhl. Solange man allein ist. Kaum aber will einer vor wildfremden Leuten in der U-Bahn, im Supermarkt oder auf den Tischen im Restaurant tanzen, da ist Schluss mit lustig. Dann wird die Welt zu eng, der Tanz rückt einem auf die Pelle, und die Haut wird einem unwohl. Wenn einer tanzt, nimmt er sich...
