Foto: Dorothea Tuch
oilinity
Am 29. und 31. März im HAU Berlin
Die Website der Choreografin Kat Válastur ziert ein Hexagon, die sechseckige Strukturformel für Benzol, ein Produkt aus fossilem Brennstoff, auch Benzin genannt. Es ist giftig und treibt die Weltwirtschaft an. Es verseucht die Meere und dient als Reinigungsmittel. Bei derlei Widersprüchen denken wir vorsichtshalber an Verzicht: keine Verbrennungsmotoren, keine Zigaretten (die Benzoldämpfe freisetzen). Und tanzen das Lied vom Minimalismus.
In «OILinity», Kat Válasturs neuem Stück am Berliner HAU, bewegen sich drei Tänzer nach allen Regeln der Nachhaltigkeit, mit großer Zurückhaltung und unter strenger Wahrung des Tempolimits. Ihre Kunst: unsere Zweifel an der chemischen Langzeitwirkung des Kunststoffs wie in einem Ritual zu beschwören – zur Austreibung des Treibstoffs. Deshalb werden, ganz zum Schluss, drei bis dato verborgene Objekte aus der Frühsteinzeit enthüllt: eine Töpferscheibe, eine Skulptur, die an einen Termitenhügel erinnert, und eine Vase voll echtem Öl. Válastur, Griechin und in Berlin ausgebildet, war 2015 als Choreografin beteiligt bei der Eröffnung der ersten «Eurogames» in Baku, Aserbaidschan – dem Zentrum der Ölproduktion am Kaspischen Meer. Die Industrie zahlte dafür, Europa bei einer Leistungsshow zu präsentieren, in der der Mensch seine Muskelkraft und Körpertechnik beweist, während die Ölexporteure davon leben, dass wir Benzin verbrauchen, statt unsere Körperkraft zu gebrauchen.
Man kann das einen Widerspruch nennen. Für Kat Válastur ist es Camouflage. Man fördert Öl und zugleich das Gegenteil, den Sport. Man verwundet und verschorft die Umwelt und möchte im Schlamm der aufgewühlten Erde doch wieder die kunstvollen Ornamente erkennen, wie sie auf Válasturs Bühne dargestellt sind. Die Tänzer davor, gekleidet in Camouflage, verschmelzen wieder und wieder mit ihnen. Um selber Kunst zu werden. Stoffkunst. Kunststoff. Wie in Öl gegossen.
Wieder in Paris, Atelier de Paris, 7. Juni; katvalastur.com
Tanz Juni 2016
Rubrik: Bewegung, Seite 4
von Arnd Wesemann
tanzwissen
studie zur choreografie
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