Götter & Clowns
Um zu verstehen, worauf wir auf den ersten Blick perplex oder belustigt reagieren, könnten wir in den DeLorean DMC-12 aus «Zurück in die Zukunft» steigen und den Fahrer bitten, uns im Jahr 2120 abzusetzen, falls es dann noch ein bewohnbares Fleckchen Erde gibt. Im Fokus unserer Neugier stünde nicht, was wir aus der Welt gemacht haben, das überlassen wir dem nächsten Konvoi bekümmerter Kolonisten. Wir hätten kleine Filmchen aus unserer Jugend dabei, um sie unseren Ururenkeln zu zeigen.
Auf einem davon hampelt ein junger Mann herum, schüttelt sich, springt hin und her, grimassiert übertrieben und hält sich dabei einen eiskugelähnlichen Gegenstand vor den Mund, der – erklären wir – anno dazumal gebraucht wurde, um die Stimme zu verstärken, die nur so das Klangmagma hinter ihm übertönen konnte, diese Mischung aus schwerem Wummern, vielleicht von einem Maschinenhammer, dem Jaulen von Katzen, die sich den Schwanz in der Tür eingeklemmt haben, und einem ohrenbetäubenden Donnergrollen, vor dem nur ein Faradaykäfig Schutz böte. Nach dem Ende der Filmchen, auf denen der immerfort zappelnde junge Mann wie in einem Daumenkino das Vergehen der Zeit illustriert, wenden wir uns in dem Hochgefühl, ...
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Tanz Jahrbuch 2019
Rubrik: Götter & Clowns, Seite 33
von Jean Rouaud
Im September 1993 vor der Premiere von «Nine Songs» erhielt ich in meiner Garderobe ein Geschenk: eine vergoldete Buddha-Statue im Thai-Stil. Anstatt sie mit nach Hause zu nehmen, beschloss ich, sie bei meiner Kompanie, dem Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan, zu belassen. Wir errichteten ihr einen kleinen Schrein in unserem Studio und huldig-ten ihr jeden Tag. Da...
Sie ist erst sechzehn, als sie verheiratet wird. In der Hochzeitsnacht erschreckt sie der Angetraute schier zu Tode. Und das erste Mal hat eher etwas von einer Vergewaltigung als von einem Liebesakt. Kein Wunder, dass die Ehe nicht halten kann, was sie den anderen verspricht. Der Mann geht fremd, nimmt Drogen, setzt schließlich seinem Leben ein Ende. «Mayerling»,...
Einen Talisman oder ein konkretes Ritual vor dem Betreten der Bühne habe ich nicht. Aber ich besitze zwei Gegenstände, die mir im Alltag sehr viel bedeuten: einen schwarzen und einen weißen Stein. Ich trage sie mit mir herum, wohin ich auch gehe – außer beim Tanzen, versteht sich. Sie sollen gute Energien anziehen und schlechte Energien abwenden. Ich muss wohl...
