Declan Whitacker in «Gute Pässe Schlechte Pässe - eine Grenzerfahrung» von Helena Waldmann, Foto: Wonge Bergmann
Declan Whitacker: Werdet singulär
Stell dir vor, du könntest einem Freund ein Körperteil nach dem anderen abnehmen, wissend, dass er jede einzelne Amputation überleben würde. Du nimmst ihm einen Finger ab, dann ein Ohr, eine Hand. Die physische Gestalt vor deinen Augen verändert sich, doch du gehst davon aus, dass es sich immer noch um deinen Freund handeln muss, schließlich hat er ja noch sein Gehirn, seine Gedanken und Erinnerungen, sein Bewusstsein.
Ist dein Freund folglich etwas ausschließlich Geistiges?
Im Laufe seiner Geschichte hat der Tanz Räume zum Überprüfen, Reflektieren und Befragen der Welt eröffnet. Welchen Platz aber wird der Tanz – wenn überhaupt – einnehmen, wenn wir einmal in einem virtuellen Utopia angelangt sein werden?
Im Jahr 1641 erschienen die «Meditationen über die Erste Philosophie» von René Descartes. Deren wohl nachhaltigstes Vermächtnis ist die von Descartes postulierte Unterscheidung von Geist und Materie. Descartes behauptet, dass er sich ausschließlich seiner Gedanken sicher sein könne, nicht aber seines Körpers, und dass daher sein Körper womöglich gar nicht existiere. Dieser cartesianische Dualismus mit seiner berühmt-berüchtigten Verkürzung «Ich denke, also bin ich» ist seit ...
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Tanz Jahrbuch 2017
Rubrik: Raum für Visionen, Seite 130
von Declan Whitacker
Auffallend groß gewachsen ist er, attraktiv und gut gebaut dazu: Reece Clarke, First Artist beim Londoner Royal Ballet, bekommt in letzter Zeit vermehrt Klassiker-Hauptrollen anvertraut. Er verströmt eine Aura der Souveränität, wie sie Menschen seiner Körpergröße nicht selten von Natur aus mitbringen. Auf der Bühne ist er in der Regel mühelos auszumachen.
Im...
Der Tanz scheint vielerorts mitten in der Gesellschaft angekommen zu sein. Vielfach aus den Theaterräumen ausgezogen, ist er in den öffentlichen Raum eingezogen und sucht dort sein Publikum. Dabei hat er neue Inhalte für sich erobert. Getrieben vom Event-Zeitgeist der Informationsgesellschaft, verliert er sich inzwischen zunehmend in einer immer raffinierter...
Nymphe, Amazone, Diva, Punk, Girlie: Claire Vivianne Sobottke ist eine Gestaltwandlerin. Weibliche Personae sonder Zahl verkörpert sie in ihren Performances, und oft genügt ihr eine Minimalbewegung, um ein Klischee aufzufächern: Mit einem gezierten Kopfschütteln markiert die Sobottke selbstbewusste Unschuld, mit wildem Headbanging begleitet sie ein enthemmtes...
