Das Gesicht

Tagebuch eines Nicht-Tänzers: Warum Turnier­tänzer und Ballerinen immerzu lächeln.

Tanz - Logo

Auf der Bühne ist der nur handgroße Kopf eine Winzigkeit. Erst vor der Kamera wird das Gesicht groß und sprechend. Eine Rolle spielt das Gesicht auf der Bühne nur dann, wenn es spricht. Ein Tänzer, der den Mund hält, trägt sein Gesicht zur Zierde. Er muss schon lächeln, seine Zahnreihen freigeben, eine Grimasse schnitzen, damit die Krone des Körpers überhaupt bemerkt wird. Die kräftigen Beine, Arme, der Torso überragen das viel zu kleine, übervolle Feld aus Auge, Mund, Wange, Nase.



Was ist der Grund, warum manche Tänzer immerzu lächeln? Das Lächeln entschuldigt den Kopf, weil er nicht mittanzt. Fernand Légers 1924 gedrehter Film «Ballet Mécanique»: Eine madonnenhaft gescheitelte Frau legt die Hand vor ihr Gesicht. Wenn sie die Hand wegnimmt, sieht der Betrachter einen neuen Ausdruck. Jedesmal. Seine Kamera hat gezeigt, dass das Gesicht tanzen kann.

Das Publikum. Es sitzt in den Theaterreihen so, dass es nur aus Gesichtern besteht. Ihm fehlt, schaut man von der Bühne in den Zuschauerraum, alles, was ein Tänzer hat: Arme, Beine, Bewegung. Der Zuschauer ist als genau das arrangiert, was er sein soll – ein kollektives Gesicht: lauter Hinseher. Dieses Gesicht ist überdies nackt wie die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz August/September 2008
Rubrik: Tänzer in Teilen, Seite 22
von Arnd Wesemann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Nature Theater of Oklahoma: «Rambo Solo», «Romeo and Julia»

Pavol Liska und Kelly Copper, Sie leiten das Nature Theater of Oklahoma in New York. Schon Ihr erstes Stück, «Poetics», war ein Tanzstück, genauer: ein ballet brut.
Liska: Vier Jahre, von 1998 bis  2002, haben wir überhaupt kein Theater gemacht und nicht gedacht, je wieder damit anzufangen. Aber dann wurden wir doch wieder neugierig und näherten uns allem aus der...

Eusebio González-Reyes

Eusebio González-Reyes wurde im südspanischen Badajoz geboren. Er ist in Madrid aufgewachsen, hat dort Flamenco studiert, geprägt vor allem durch seinen Lehrer Rafael Cruz aus Sevilla. Bereits mit 19 führten ihn Tourneen nach Algerien, Frankreich und Italien. González-Reyes ist in vielen Ländern Europas, Amerikas und Asiens aufgetreten. Private Gründe führten ihn...

Eva Cerná

Sie lächelt. Evas Lächeln ist unnachahmlich, so groß, ihre Verbindung zur Welt, eine Linie im Bogen, und ein Blick, der immer auch ein bisschen für sich behält. Doch ihr Tanz führt diese Linie fort, ihre Arme greifen in den Raum, die Schwünge, der gestreckte Körper. Eine seidenfeine Zähigkeit, mit der sich der Mensch gegen Bodenschwere und Luftleichtigkeit...