Das Bild und seine Geschichte

Der Schlaf des Butoh, 50 Jahre nach seiner Entstehung

Tanz - Logo

Jeden Morgen zwischen Erwachen und Aufwachen regiert das Halbschlafbäckchen. Das Halbschlafbäckchen schuf Blixa Bargeld, Lyriker der legendären Berliner Band Einstürzende Neubauten in den 1980ern, als Butoh, der japanische Tanz der geweißelten Körper, im Schlafanzug durch die Theater huschte. Butoh ist der große Halbschlaf des zeitgenössischen Tanzes: langsam, traumhaft, ohne Dramaturgie und Bedeutung, exotisch wie die Romantik, ökologisch wie Mecklenburg-Vorpommern, die Steiermark, wie Göttingen, dessen Mamu-Zentrum von Tadashi Endo hierzulande zum Urort des Butoh wurde.

So weit weg in der Provinz ist Butoh seither so provinziell, wie er es immer sein wollte. Der legendäre Kazuo Ohno feierte sein letztes Gastspiel in Remscheid. Auf dem fernen Schloss Bröllin zwischen Berlin und der Ostsee zelebrieren japanische und deutsche Künstler konspirative Sommerlager mit kalkweißem Sonnenschutz.

Japaner und Deutsche deshalb, weil sie einander sehr ähnlich sind in Bezug auf ihr Halbschlafbäckchen. Beide träumen viel und gern, während sie nach außen zuverlässig Fleiß und Tugenden wie Ordnung und Pünktlichkeit signalisieren. Ihre Gesellschaften funktionieren so reibungslos, damit der Einzelne ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Januar 2010
Rubrik: Entree, Seite 4
von Arnd Wesemann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Tanz im TV

«Berliner Tanzfieber» bricht am 4. Januar bei arte aus. Dabei betrachtet der Dokumentarfilmer Marcus Behrens die Stadt als Bühne. Ein gängiger Ansatz, fast schon ein Berlin-Klischee. Weil es aber auf der ganzen Welt eine solche Definitionsmacht erlangt hat, wirkt es weiter. Besonders auf junge, kreative Menschen, die sich natürlich in ein entsprechendes Umfeld...

Jenseits

Kaamos ist die finsterste Zeit in Nordfinnland. Die Sonne ist hinter dem Horizont versunken, bis Mitte Januar schläft Lapp­land in blauem Dämmerlicht. Wenn in Oulu viel Schnee liegt, sind die Nächte heller als die Tage, denen der Mond sein fahles Licht nicht schenkt. Pflanzen und Tieren ist das egal. Aber der Mensch kann schlecht leben ohne Licht. Körper und Seele...

Orpheus

Der britische Psychoanalytiker Adam Limentani erzählte seinen Kollegen 1959 von «Mr. B.», einem besonderen Klienten. Jede Trennung stürzte diesen Mann in abgrundtiefe Verzweiflung. War der Therapeut telefonisch gerade nicht erreichbar, fürchtete Mr. B., er könne verstorben sein. Dass er den Arzt mit anderen Patienten teilen musste, schien unzumutbar. Jahrelang...