Montpellier: Maguy Marin «Ligne de crête»
Viele würden die Metapher vom Tanz auf dem Vulkan bemühen. Da sind der Klimawandel, die Wiederkehr von Populismus, Abschottung und Kriegsgefahr sowie die Gewalt sozialer Ungleichheit. Doch die Reichen dieser Welt tanzen weiter, wie auf der Titanic. Maguy Marin hat das alles abgearbeitet, in ihrem vorherigen Stück, «DEUX MILLE DIX SEPT». In Großbuchstaben. Sie kann also die Ursachenforschung in Angriff nehmen. Und sie lässt sich dazu ein unerwartetes Bild einfallen: die Scheitellinie, den Bergkamm, eben «Ligne de crête». Der Titel verspricht Zittern, Spannung und Dramatik.
Wenn wir auf dem Bergkamm wandeln, kann in jedem Moment alles kippen und vorbei sein. Nervenkitzel pur.
Aber was kredenzt Marin? Ein Epos, so geradlinig und vorhersehbar wie noch keines aus ihrem Hause. Mit Absicht. Denn die Stoßrichtung von «Ligne de crête» ist nicht der Thriller, sondern die Soziologie. Wie steht es heute um unser Begehren, unsere Leidenschaft? Sind wir eigentlich noch wir selbst? «Ligne de crête» ist ein choreografischer Gruß an Frédéric Lordon, Vordenker der Bewegung «Nuit Debout», die 2016 von Paris aus versuchte, der Demokratie neuen Atem einzuhauchen, ähnlich wie Podemos in Spanien.
Mag ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz Februar 2019
Rubrik: Kritik, Seite 40
von Thomas Hahn
Hongkong ist die am dichtesten besiedelte Stadt der Welt. Acht Millionen Menschen leben entlang der 263 Inseln am Perlfluss-Delta. Die Geschäftigkeit in den Zentren Hongkongs wirkt zwischen den eng stehenden Hochhausriesen wie ein durch Röhren schießender Strom, in dem es keinerlei Nischen und niemals Ruhe gibt. Die Masse wird geschleust, dirigiert und ständig vor...
Die Geschichte von «Dornröschen» zählt zu den Evergreens des Ballettrepertoires, seit Marius Petipa und Peter Tschaikowsky sie auf die Tanzbühne gebracht haben. Das kann man natürlich immer wieder neu erzählen, aber der Regisseur und Produzent Rem Khass hatte eine andere Idee: Wie wäre es, die Perspektive zu wechseln und abzutauchen ins Unterbewusste der...
Spanner leben gefährlich. Früher wohl mehr als heute, da wir – nicht nur von einschlägigen TV-Formaten – zum Voyeurismus fast gezwungen werden. Es soll indes Zeiten gegeben haben, da, wie Ovid erzählt, eine Göttin zufällig beim Baden zu überraschen, lebensgefährlich sein konnte. Diana verwandelte Aktaion in einen Hirsch, und der wurde daraufhin von seinen eigenen...
