Foto: konzerttheaterbern
Etienne Béchard
Als Choreograf steht der ehemalige Béjart-Tänzer erst am Anfang. Doch die großen Tanzensembles reißen sich bereits um die Stücke des 29-jährigen Franzosen. Etienne Béchard hat in der letzten Spielzeit mit dem Ballet de l‘Opéra du Rhin «Cupidon s‘en fout» einstudiert. Das gesellschaftspolitische Tanzstück untersucht, was passiert, wenn in einer Welt, in der alles unter Kontrolle ist, plötzlich eine Rebellion ausbricht. In der kommenden Saison wird er im Auftrag der Grands Ballets Canadiens de Montréal «Le Sacre du printemps» kreieren.
Unlängst gastierte er bei der Tanzcompagnie Konzert Theater Bern, um «Post Anima» einzustudieren, ein bewegungstechnisch anspruchsvolles Stück, in dem es um die Beziehung von Mensch und Maschine geht. Es ist erst Béchards zweiter Gastauftrag als Choreograf. Ein Riesenerfolg. Der Abend läuft so gut, dass zusätzliche Vorstellungen angesetzt werden müssen. So viel hochkarätige Bewegungsdynamik, so viel stille Poesie und tänzerischen Witz wie in «Post Anima» haben die fünfzehn Tänzerinnen und Tänzer von Konzert Theater Bern lange nicht gezeigt. Vertrautes wird neu verpackt. Béchards Tanzsprache – ein Mix aus zeitgenössischem Tanz, Artistik, Neoklassik unter Einbezug einer Live-Kamera – lotet Grenzen des Möglichen aus. Da sieht man Pirouetten im Schrägflug, horizontale Flachsprünge, Überschläge, Ganzkörperfächer. Oder Wagenräder aus aufrechten Leibern und Schattenprojektionen, in denen die Köpfe der Tanzenden überraschend als kinetisches Kugelspiel aufleuchten – Präzisionsarbeit. Béchard ist kein Tanzmacher der Extreme – noch nicht. Intuitiv verbindet er abstrakte Bilder zum dramaturgischen Spannungsbogen. Die tänzerische Ästhetik bleibt suggestiv und zugänglich, auch wenn der junge Choreograf kritische Fragen stellt oder, wie in «Post Anima», den Fortschritt in die Fiktion weiterdenkt. Die Klarheit, mit der er das tut, ist beeindruckend und vielversprechend.
Tanz Jahrbuch 2017
Rubrik: Hoffnungsträger, Seite 167
von Marianne Mühlemann
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