Philippe Talard

Beinahe wäre er selbst im Knast gelandet. Inzwischen kümmert sich der ehemalige Ballettchef des Mannheimer Nationaltheaters wie ein Familienvater um Straffällige. Drei Gefängnisprojekte hat Talard inzwischen mit ihnen auf die Beine gestellt.

Tanz - Logo

Warum? Warum? Wahrscheinlich kann Philippe Talard die Frage nicht mehr hören. Wie kommt ein Mann von Welt dazu, sich ausgerechnet auf Gefängnis­projekte einzulassen? Talard sagt nur ein einziges Wort: Genet. Jean Genet. Seine ­Texte haben es ihm angetan. Die Art, wie er schreibt. Die gemeinsamen biografischen Bezüge.

«Wir beide», erzählt er, während er die erste von unzähligen Zigaretten ­anzündet, «wir beide sind Adoptivkinder – allein das kann bereits über das weitere Schicksal entscheiden: Kommt man entweder in eine gute oder in eine schlechte ­Familie?»
Talard hat wohl Glück gehabt, er hat eine wunderbare, warmherzige Mutter ­gefunden – und beschäftigt sich seit seinem 17. Lebensjahr mit den Texten eines Autors, dem es in seinem Leben weniger gut erging, mit Menschen, die außerhalb der ­Gesellschaft existieren und sich ganz ihrer Poesie ergeben. «Sie sind ausgesperrt», sagt er, «haben kein Geld. Und da gibt es diese Freiheit in der Poesie. Auf einmal sehen sie Bäume, wo es keine Bäume gibt. Entdecken Blumen, wo keiner jemals welche finden würde. Auf sich gestellt, schaffen sie sich ihr eigenes Reich. Mancher überlebt diese Einsamkeit nicht. Manchen macht sie produktiv.»
Stundenl ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Juni 2005
Rubrik: Portrait, Seite 18
von Hartmut Regitz

Vergriffen
Weitere Beiträge
Japanese Tourist

Usually, in a Western context, when you sit in a theatre watching a performance, you hold your breath, trying to concentrate on the dynamics of the dancers, who are probably keeping their bodies and breath as tensed as yours, if the performance is emotionally demanding. “Scream And Whisper,” however, the new creation by Saburo Teshigawara, premiered in Sala...

Zwiesprache mit Anima

Altmodische Zinkwannen mit Waschbrettern stehen auf der Bühne, an denen die Tänzerinnen rituelle Waschbewegungen vollführen. Carolyn Carlson glaubt an das Spirituelle: «Wache auf zum Geheimnis: ‹Wash The Flowers›, finde deine verborgene Vergessenheit!», fordert die Choreografin im Programmheft auf. Das mutet esoterisch an. Es ist Carlsons neuem Stück nicht...

VWickelt

Deborah Colker schwor sich in Rio, ein Bondage-Ballett zu inszenieren. «Nó» sollte es heißen, brasilianisch für Knoten. Dieselbe Musik, anders abgemischt, aus der sich schon «Ela» vor zwei Jahren an der Komischen Oper Berlin nährte. Unter einem dürren Baumstamm. Nun ist der Baum mächtig gewachsen. 120 Schnüre hängen wie ­Lianen. Aus der Verführszene von einst, Adam...