zeitgenoss*in sein
Wer Zeitgenossin sein will, lasse das Ballett, den Modern Dance, den Jazz Dance, den Ausdruckstanz so ausdrücklich links liegen, als seien es Tanzformen aus anderen Jahrhunderten, kontaminiert mit Ideologien aus ferner Vergangenheit. Dabei üben sich doch gerade Zeitgenossen gern darin, die Geschichte des Balletts und der Moderne immer neu zu zitieren und zu aktualisieren. Zeitgenossen heute haben einen gewissen Hang zum Unzeitgemäßen. Zeitgenossen sind Wesen mit einem hohen Bewusstsein für das Vergangene. Sie wissen, woher sie kommen.
Und lieben den Unterschied, den sie gerade mit der Beschwörung ihrer Vergangenheit machen.
Wie auf diesem zeitgenössischen Festival: Zur Eröffnung der «Beirut International Platform of Dance» tanzen vier renommierte Choreografen – Omar Rajeh aus dem Libanon, Anani Sanouvi aus Togo, Hiroaki Umeda aus Japan und Koen Augustijnen aus Belgien. Alle vier zitieren das Bewegungsmaterial ihrer bisherigen Karriere und suchen wie gute Diplomaten nach dem Gemeinsamen und Globalen. Wer gerade nicht tanzt, bereitet an einer langen Tafel ein Mahl zu, um das Publikum von den Stühlen auf die Bühne zu locken. Es ist ein zeitgenössisches Tanzfest, weil wir auch selber ...
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Tanz Juni 2016
Rubrik: Ideen, Seite 62
von Arnd Wesemann
Zwei Reisen durch die Nacht, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: Ballettdirektor Yaroslav Ivanenko hat den Choreografenkollegen Darrel Toulon zur Einstudierung einer revueartigen Ballettsause namens «Blame it on the Moondog» mit dem Ballett-Ensemble eingeladen, während er selbst den Abend im Opernhaus Kiel mit einem traumwandlerischen Trip in die...
Das Ziel vor Augen, kann man schon mal getrennte Wege gehen. Beide Kreationen, so deutlich, ja demons-trativ sie sich voneinander unterscheiden, kommen jedenfalls beim Publikum blendend an. Und auch die Akteure des Nederlands Dans Theater 1 scheinen sich in ihrer Gegensätzlichkeit zu gefallen: in sich gekehrt, tanzen sie fast somnambul in «Shut Eye» von Sol León...
Rau, pur und nackt war der Tanz, den Dominique Dumais in Mannheim schuf – jedenfalls im Rahmen der drei abstrakten Tanzstücke, in denen sie Bewegung selbst untersuchte. In «R.A.W.» entsprang diese Bewegung 2012 der menschlichen Lust und Energie, «Pure» konzentrierte sich 2014 auf Schwerkraft und Schwung, und nun zeigt Dumais die Nacktheit der Seele auf, mit der ein...
