Tradition
Tanz hat etwas von Totengräberei: Wir beschwören die Toten und hoffen auf das Leben. In diesem Paradox scheinen die zwei Seiten des Tanzes auf: Einerseits lebt er von der Tradition, andererseits ist er nicht, oder jedenfalls nur schwer zu bewahren. Manchmal denke ich sogar, dass man ihn gar nicht bewahren sollte, weil er so vom Moment lebt und so gesehen schon die Strecke vom Choreografieren im Studio zur Aufführung eigentlich sinnlos ist.
Der akademische Tanz, der mit seinem Kanon von Schritten den Rahmen für das Schaffen bildet, ist nur ein winziger Versuch, etwas einzuschränken, zu disziplinieren, was ungeheuer frei ist, nämlich Tanz und Leben. Jede Formsuche zielt ja darauf ab, sich trotzig dem Unerklärlichen entgegenzustellen. Formen schaffen Tradition und brauchen Tradition, um überliefert zu werden. Tradition schafft Sicherheit und Wärme, Verlässlichkeit, um nicht ganz ins Nichts zu fallen, während man etwas tut. Die respektvoll respektlose Aufgabe ist es, die Tradition einzubeziehen, aber zugleich infrage zu stellen, um etwas neu aufzubauen. Das Erbe und das Erreichte in der Tanzkunst verhindern oft einen neuen Blick. Andererseits bemühen sich die wenigsten, in etwas Neuem ...
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Tanz Jahrbuch 2014
Rubrik: wuppertal: pina bausch, Seite 84
von Marco Goecke
Vladimir Varnava gehört fraglos zu jenen vielversprechenden neuen Choreografen Russlands, die vor dem Hintergrund einer klassisch-folkloristischen Ballett-Ausbildung ein ausgeprägtes Interesse an der Entwicklung eines zeitgenössischen, selbstreflexiven Stils erkennen lassen. Gewicht, Atem, Aussagekern der Bewegung, innerer Rhythmus, Geist und Seele seiner Tänzer –...
Li Ling Xi ist ein echtes Kraftpaket: sehr weiblich, sehr streng, sehr stark. Seit 14 Jahren arbeitet die selbstbewusste Chinesin mit der Berliner Tanzcompagnie Rubato. Nach den jüngsten Mittelkürzungen in der Hauptstadt wird sie nun umso stärker im stark prosperierenden Schanghai aktiv sein. Li Ling Xi geleitete Jutta Hell und Dieter Baumann ans dortige Rockbund...
Pia Meuthen überzeugt als feinsinnige Beobachterin und geschickte Rhetorikerin, wenn sie im selbstironisch-heiteren Psychogramm «Go tell the women (we are leaving)» ihren Fokus auf das männliche Individuum in der Gruppe richtet. Messerscharf seziert die Choreografin in diesem Kurzstück zur Musik von Jeroen Strijbos die nonverbale Kommunikation zwischen drei...
