Tänzer des Jahres
Schön sein kann jeder Tänzer, Hässlichkeit erfordert Mut. Der Australier treibt alles bis ans Limit und gibt deshalb auch ein Monster nach Maß für Liam Scarletts «Frankenstein» am Royal Ballet in London
Er hat einen feingliedrigen, fast femininen Körperbau, einen blassen Teint, dazu rotblondes Haar. Mit seiner hohen, feinen Stimme beantwortet er kultiviert und mit höflicher Zurückhaltung, dabei aber stets freimütig meine Fragen.
Wir treffen uns in einem ehemaligen, herzöglich anmutenden Rückzugsraum, gelegen in einem verborgenen Winkel des Royal Opera House von Covent Garden. Die Sonne, die durch das Fenster hereinfällt, verleiht seinem Haar eine feurig-rote Aureole. Dieser Eindruck passt vortrefflich zur glühenden Attacke, die der junge Australier auf der Bühne entfesselt – sei es in Heldenpartien des klassischen Repertoires oder bei einer seiner gefeierten Stepp-Einlagen, wenn seine Füße wie furioses Schlagwerk den Boden traktieren. Pures Adrenalin scheint der Treibstoff des rasanten Performance-Stils von Steven McRae zu sein. Woher nimmt er dieses atemberaubende Tempo?
«Ich bin in einer Vorstadt westlich von Sydney aufgewachsen, in der Nähe einer Rennstrecke, die nur etwa zehn ...
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Tanz Jahrbuch 2016
Rubrik: Die Saison 2015/16, Seite 130
von Mike Dixon
Ein Frühlingsvormittag in den Berliner Uferstudios. Das Bullauge in der Tür, hinter der gerade geprobt wird, ist mit Zeitungspapier verklebt. Nur ein winziger Spalt lockt das Auge – gerade groß genug, um ins Innere zu linsen. Da sitzt ein graumelierter Lockenkopf auf dem Boden und schaut gebannt sechs Tänzern zu, die ausdauernd eine einzige Passage wiederholen,...
Keiner springt mit solchem Wagemut wie er. Da ist nicht mal der Bruchteil eines Zögerns. Also los! Die langen Beine zum Froschsprung angezogen. Runter vom Tisch. Der Frau in die Arme. So muss es sein, wenn man sich Hals über Kopf in eine Beziehung stürzt. Es könnte er oder sie, es könnten auch beide dabei draufgehen. Aber sie fängt ihn auf. Man ist so nah dran, bei...
Nach einer «Swan Lake»-Vorstellung in Pittsburgh/Pennsylvania trat ein verstimmter Zuschauer an Dada Masilo heran und machte seinem Ärger darüber Luft, dass ihre Interpreta-tion die traditionelle Lesart des Ballettklassikers verunstaltet habe. Masilo reagierte verdutzt. «Hat der Herr sich denn vorher nicht das Plakat angeschaut? Die Tänzerinnen und Tänzer tragen...
