Raphael Hillebrand
Der Reisepass ist voll. Also ab zum Bürgeramt, um einen vorübergehenden Reisepass zu beantragen. Am Wochenende geht es für mich und Niels Storm Robitzky, meinen Mentor, auf einen Battle in Sankt Petersburg. Im Bürgeramt stehen Sicherheitskräfte am Info-Schalter. Etwa 30 Menschen warten in einer Schlange, obwohl das Amt erst in 20 Minuten öffnet. Grenzen zu überschreiten, war schon immer mit Aufwand verbunden – egal ob es Landesgrenzen sind oder Grenzen in unseren Köpfen.
Geboren wurde ich in Hongkong 1982, eingeschult in Berlin 1989, und zuhause bin ich in der Hip-Hop-Kultur seit 1997. Als ich ungefähr fünf Jahre alt war, sagte eine Bäckerei-Verkäuferin mit fragendem Unterton: «Ohhh, was bist du denn für ein kleiner Süßer?» «Ich bin ein Chinese», antwortete ich voller Stolz. Sie stutzte, sah mich noch einen Moment an und arbeitete dann weiter. Meine dunkle Haut, dazu die für mich selbstverständliche Antwort – das hatte sie überfordert. Sie hatte es gut gemeint, sie wollte nett sein, aber sie wusste nicht, wie. Als ich nach Deutschland kam, dachte ich, ich sei Chinese, weil ich in Hongkong geboren wurde. Dann erklärte man mir, dass ich Afrikaner sei, weil ich väterlicherseits ...
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Tanz Jahrbuch 2016
Rubrik: Choreografen: Zur Sache, Seite 10
von Raphael Hillebrand
«Glauben Sie, Gewalt ist unvermeidbar?» − Glaube ich das? Die Frage steht auf einem der Zettel, die Zuschauern in die Hand gedrückt werden, damit sie gemeinsam mit einem anderen Besucher über diese und ähnliche Fragen reflektieren. Denken, dabei gehen, einmal diagonal durch den Raum. Über eine Strecke von vielleicht 20 Metern gilt es nun, einem mir bislang völlig...
in kleines barfüßiges Mädchen hütet die Ziegenherde seiner Familie, anstatt im Kindergarten mit Puppen zu spielen. Dege Feder wuchs in einem abgelegenen Dorf im Norden Äthiopiens auf. Sie liebte das Leben unter freiem Himmel, die Natur, in der sie Lieder und Tänze erfinden konnte, immer dem Wind ausgesetzt: «Ich habe diese Zeit mit Tagträumen verbracht, Halsketten...
Ihn einen Anfänger zu nennen, ist nicht mehr richtig – zumindest, was seine russische Heimat betrifft. Dort gilt er bereits seit Langem als vielversprechender Tänzer und hochtalentierter Choreograf. 2010 hat er in Moskau für Aufsehen gesorgt, als er die «Goldene Maske» als bester Tänzer für seine Darstellung des Mercutio in einer neoklassischen Version von «Romeo...
