Odissi
Während die Sonne langsam über der ostindischen Stadt Bhubaneswar untergeht, knapp 438 Kilometer südwestlich von Kalkutta, zieht es Mädchen und Jungs in Scharen ins hiesige Kulturzentrum. Wenn sie die Halle betreten, lassen sie den Lärm und Tumult auf den Straßen in einem der ärmsten Bundesstaaten Indiens hinter sich. Hier drinnen begeistert sie der Odissi, der klassische Tanz, der aus den Tempeln von Kalinga stammt.
Sie entfliehen dem hektischen Gewirr von Kühen und Elefanten, Affen mit stierem Blick, Autos und Rikschas, die, begleitet von einem gewaltig hupenden Orchester, den Verkehr bilden – das tägliche Chaos auf den Straßen.
Die Mädchen haben sich in bunte Saris geworfen. Viele fiebern der Aufführung richtig entgegen, andere schicken noch eine SMS an ihre Freundinnen. Dann sind alle Augen auf ein Mädchen gerichtet. Sieben Jahre alt. In ihrem plissierten Sari aus roter Seide ähnelt sie fast einer reglosen Marionette. Langsam beginnt ihre elektrisierende Darbietung des klassischen Odissi-Tanzes. Immer wieder ist er variantenreich unterbrochen von Posen, die anmutige Übergänge markieren. Ihre Beine vollziehen Drehungen, ihre Hände scheinen Figuren im Sand nachzuzeichnen.
Aber ...
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Das Licht schält sie sanft, fast nachsichtig, aus dem Dunkel heraus. Zwei Figuren, sie vorn, er hinten, in zwei Welten. Dazu klackert, schabt und hallt es in der elektronischen Klangkulisse. Als blicke man in eine entfernte Zeit, einen fremden Ort; zerfallen und vergessen sind Alltag und Leben. Die Frau im knielangen goldbraunen Kleid reckt ihr Gesicht suchend,...
Da steht sie, aufrecht und schmal, schlichter schwarzer Anzug, flaches Schuhwerk, die Arme links und rechts um ihre Tänzerinnen geschlungen. Festen Schritts tritt sie an die Rampe und nimmt die Ovationen ihres Publikums entgegen. Dennoch, ein skeptischer Blick über die Scheinwerfer hinweg streift das Parkett, der Hauch eines Lächelns spielt um ihre Lippen.
Draußen,...
Glenn Gould habe sich die Musik zuerst in seinem Inneren ertanzen müssen, notierte ein Kritiker über das Spiel des berühmten Pianisten. Wahrscheinlich liegt es an dieser besonders massiven Präsenz eines Künstlers in der von ihm interpretierten Musik, dass der Tanz an diesem Abend unsere Aufmerksamkeit nur schwer fesseln kann. Glenn Gould gilt das Interesse des...
