Maya Plisetskaya
Die Einlasskontrolleure staunen nicht schlecht. So viel Andrang haben sie in der Berliner Akademie der Künste schon lange nicht mehr erlebt. «Und das alles für eine Tänzerin?», fragt der Ticket-Abreißer kopfschüttelnd und wird umgehend ortstypisch rau gedeckelt: «Dat is ja nu nich irgendeine, die hier jeehrt wird, dat is die Grööößte aller Zeiten!»
Filigran, im schwarzen Hosenanzug mit Goldpailletten am Revers, gleitet die «Grööößte aller Zeiten» die Stufen des Auditoriums hinab.
Wie von selbst bildet sich eine Gasse, fliegen aller Augen auf die charismatische Erscheinung in ihrer Mitte: «Vierundachtzig Jahre, sagst du? Das muss ein Irrtum sein!»
In der Tat. Wer Maya Plisetskaya allein gegenübersitzt, bemerkt zwar die feinen Fältchen, die ihre schwarz gerandeten Augen wie Seidenfäden umspielen und vernimmt zwischen russischen Wortkaskaden ein kehlig sonores Lachen. Aber eigentlich sieht er ein junges Ding, dessen Arme sich in Bewegungsranken verwandeln, wann immer es eine Lieblingsrolle oder ein äußerst brenzliges Ereignis auszuschmücken gilt. Die flüchtig skizzierten Ports de bras speichern bis heute, was Plisetskayas Bühnenwirkung ausgezeichnet hat: Für Augenblicke zieht noch ...
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