Kollektives Vergnügen
Und das zu Weihnachten! «Es schien», so rümpft der Reisende die Nase, «als sei am Heiligabend und unter religiösem Vorwand ein wahres Pandämonium losgelassen worden. Trunkenheit brach sich in Geschrei und bacchanalischen Orgien Bahn. Kein Auge konnte man zudrücken im Lärm dieser abscheulichen und feindseligen Saturnalien. Die Musiker fanden in einer Horde Betrunkener beiderlei Geschlechts ihr Publikum. Die Frauen waren von der billigsten Sorte. Alle tanzten, schrieen und klatschten in die Hände als ritte sie der Teufel.
Ich hatte es mit den Auswüchsen einer sogenannten Mitternachtsmesse zu tun, die in alle nur erdenklichen Stadien der Verkommenheit überging.» Wer ist der Autor dieses indignierten Berichts? Handelt es sich um einen womöglich in die Jahre gekommenen Touristen, der bei der Buchung des vielleicht allzu günstigen Pauschalurlaubs übersehen hat, wie nah sein Hotel an den Ballermann gebaut ist? Wird er von sangriaseligen Jugendlichen um den Schlaf gebracht, die ausgerechnet die Heilige, die Stille Nacht durch eine so lautstarke wie hemmungslose Orgie entweihen? Keineswegs: Diese Zeilen schossen einem namenlosen Engländer bereits im Jahr 1845 in die Feder, fernab der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Das könnte Sie auch interessieren:
Asketische Ekstasen im Tanz
Wie der Fußball aus dem Tanz entstand
Bautzen, eine Kleinstadt in der Oberlausitz. 41 000 Einwohner. Es ist kurz vor 20 Uhr. Im großen Haus des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters, hier, wo als Erstes nach der Wende das Ballett abgewickelt wurde, bereiten sich die Männer auf einen Fußballabend vor. Gazprom Schalke 04 versucht das Unmögliche und will den FC Barcelona aus der Championsliga kicken. Eine...
Man hätte schon durch den Titel gewarnt sein müssen. «Tschaikowskys Träume» – ein Zweiteiler, der von Luisa Spinatelli mit allzu vielen aus dem Bühnenhimmel herabfahrenden Prospekten ausgestattet wurde, auf die ein seiner Farben verlustig gegangener Nolde verschwommene Bilder gemalt haben könnte. Im Theater Mönchengladbach ist Zeit-Totschlagen angesagt. Norths...
«Déjà Donné», französisch für «Recycling». So heißt seine Kompanie. Simone Sandronis Ausstattung und Bewegungssprache für «Cambio d’abito» (Kleiderwechsel) speisen sich aus zweiter Hand. Thematisch – es geht ums Auf-Spüren des Spektakels im Alltag, der alten Schwungkraft, unter Schichten abgelagert und begraben. Strukturell, weil Simone Sandroni das kalkulierte...
