Exhumierte Exotik
Historisch informierte Inszenierungen von Ballettklassikern erfreuen sich seit einigen Jahren großer Beliebtheit. Mithilfe historischer Dokumente und Archivmaterialien wird dabei der Versuch einer größtmöglichen Annäherung an das Original unternommen. Entsprechend profilierte Aufführungen von «Le Corsaire», «Paquita» oder «La Bayadère» – um nur einige Beispiele zu nennen – geraten derzeit allerdings auf doppelte (und paradoxe) Weise ins Visier.
Auf der einen Seite beinhalten sie exotische, nationale oder folkloristische Elemente und sehen sich der Forderung aus Kritik und Kulturwissenschaft ausgesetzt, fremde und deshalb kolonialismusverdächtige Narrative zu entschleiern. Auf der anderen Seite unterstreicht jede dieser kinästhetisch opulenten Re-Konstruktionen, welche Bedeutung die Tanzvergangenheit besitzt. Wie also verhalten sich die Appelle postkolonialer Theorie und die derzeitige Aufwertung tanztheatraler Archäologie zueinander?
Das Diskursgespenst: Fremdheit aus postkolonialer Perspektive
Der Tanz im 19. Jahrhundert ist durchzogen von Komponenten der Fremdheit – einer Fremdheit, die der Widerschein europäischer Kolonialisierungen auf dem Theater ist. Die mit Nachdruck ...
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Tanz Juni 2019
Rubrik: Ideen, Seite 50
von Claudia Jeschke
Soll keiner sagen, der zeitgenössische Tanz ignoriere die Bedürfnisse eines Publikums, das nach eines langen Tages Arbeit noch ins Theater geht, um in der Menge Mensch endlich Ruhe zu finden. Schon der Titel dieses Stücks lügt kein bisschen. Wenn fünf Damen im angenehmen Dämmerlicht der -Designerin Minna Tikkainen zum beruhigenden Sound von David Kiers gemächlich...
Das Schöne an Hochhäusern ist der Ausblick. Doch in dem Hochhaus in Essen, an das ich denke, gab es keinen Ausblick. Da gab es ein Kulturdezernat und einen Sitzungsraum; dort haben wir uns zum ersten Mal die Hand gegeben. Vor Jahrzehnten, aber jeder erinnert sich an Momente, die sich einbrennen, selbst in einem Kulturdezernat.
Als sie hereinkam, schleppte sie eine...
Um es vorwegzunehmen: Ich verstehe nichts von Tanz. Weder von klassischem noch von modernem Tanz, weder von der Praxis noch von der Theorie. Umso erstaunlicher, dass ich einen Artikel für eine renommierte Tanzzeitschrift schreiben darf. Dies hängt damit zusammen, dass ich während der Arbeit an einem Roman auf das Fräulein Grunow gestoßen bin – Gertrud Grunow, eine...
