Estnische Fragen
Die Erneuerer der russischen Kunst des 20. Jahrhunderts waren in den Augen der Sowjetmacht dekadente Abkömmlinge einer in Auflösung begriffenen spätbürgerlichen Kultur. Avantgarde war die Kunst der falschen Ideologie. Das traf natürlich auch die Tanzkunst – Ausdruckstanz galt den sowjetischen Zensoren als Verbrechen. Zu Symbolen des Sowjet-Staats wurden stattdessen Tschaikowskys märchenhafte Ballette, allen voran der «Schwanensee».
Und das, obwohl in den klassischen, vom französischen Choreografen Marius Petipa geschaffenen Balletten, die auch die russischen Zaren geliebt hatten, kein Proletariat vorkam. Aber alle armen Bauern wollen einen Prinzen oder eine Prinzessin. So hat das sowjetische Proletariat (gemeinsam mit Stalin, der lustige Operetten liebte) immer weiter geträumt – und am Ballett das Operettenhafte am meisten bewundert.
Die staatliche Ballettzensur in Russland wurde von der Liebe des Publikums zu den klassischen Balletten besonders unterstützt. In der Estnischen Republik dagegen konnten sich nach dem Ersten Weltkrieg noch andere Tanzrichtungen und -stile entwickeln. Die Tänzerin Ella Ilbak gilt als die Isadora Duncan Estlands – hoch geschätzt auch von der schwedischen ...
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