Erinnern und Vergessen

Wieso hat der Tanz erst im 19. Jahrhundert eine so zentrale Bedeutung erlangt? Weil erst in dieser Zeit ein Wissen von einem evolutionären, sich wandelnden Körper entstand. Nicht als gottgegebener, sondern als dynamischer Körper war er auf einmal selbst Teil der Geschichte. Und nur so wurde der Tanz auch zu einem Teil der Kultur- und der Kunstgeschichte. Wie sehr das körperliche Erinnern mit fundamentaler (Selbst)-Erkenntnis zu tun hat, belegt Johannes Odenthal

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Der Kern der Tanzgeschichte, also der Tanz, ist abwesend. Sobald Tanz aus der Gegenwart fällt, ist er nur noch im Gedächtnis abrufbar, in der Körper-Erinnerung von Tänzern und Betrachtern, im Foto, in der Notation, im Video oder in der Kritik. Die Substanz des Tanzes, das Tanzen dagegen, ist nur präsent im Moment der Bewegung. Insofern ist der Gegenstand der Tanzgeschichte, also des Tanzens als Vergangenem, nicht vorhanden. Auch wenn Tänze und Choreografien wiederholbar sind, sie aktualisieren sich nur im jeweiligen Körper und sind aufgeladen mit Jetztzeit.

Insofern steht der Tanz für ein Erinnerungsmodell, das radikal gegen den Historismus und die Universalgeschichte steht. Der Tanz steht für ein Konzept der Transformation, durch die das Vergangene in der Gegenwart einsteht.

Tanzgeschichte und Körpergeschichte

Dabei wird eine mögliche Tanzgeschichte durchsetzt von einer anderen Geschichte, der Geschichte des Körpers. Denn der Körper selbst wurde erst mit der Entwicklung der Evolutionstheorie um 1800 als ein historischer, als ein sich verändernder denkbar. Bis dahin hatte der Körper als Schöpfung Gottes keine Geschichte. So kann man sich auch eine Entwicklung des menschlichen ...

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Tanz August/September 2005
Rubrik: Forgotten Memories, Seite 28
von Johannes Odentha

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