allegorie der vernichtung
Sie sind natürlich auch an diesem Abend nicht vergessen: die zahllosen jungen Frauen, die sich in mehr als 100 Jahren schon als «Sacre du printemps» zu Tode getanzt haben. Die rasten, taumelten, stürzten, nackt und schweißüberströmt, zarte Menschenkörper, geopfert fürs höhere Ideal. Sie sind die spukhaften Referenz-Leiber in den Köpfen der Zuschauer – gerade weil der italienische Performance-Star Romeo Castellucci seinen «Sacre» von allem Fleisch befreit hat. Kein Körper, nur mehr seine allerletzte, haltbarste Essenz tanzt bei Castellucci durch die Luft.
Als weiße Wolken, wilde Fontänen, sanftes Sanduhr-Geriesel: sechs Tonnen Knochenstaub aus den abgeschabten, durchgekochten, mit Hitze zersetzten Skeletten von 75 Rindern. Ein Industrieprodukt, nämlich Düngemittel für die Landwirtschaft, das also tatsächlich ganz «Sacre»-gemäß der Fruchtbarkeit dient und in der fantastischen Inszenierung aus einer gigantischen Deckenkonstruktion gen Boden geschossen wird. Ein Maschinen-Himmel, der seine Toten wieder ausspuckt.
Castelluccis «Sacre du printemps», das ist: die populärste Skandal-Ikone der Tanzgeschichte als Industrie-Kult. Aus einem frühzeitlichen Ritual wird ein futuristisches ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz Dezember 2014
Rubrik: bewegung, Seite 4
von Nicole Strecker
_____deutschland
Augsburg
Theater «Romeo und Julia» in der Choreografie von Young Soon Hue. 2., 6.,19., 23., 28. Dez.
«Where I end and you begin», Choreografien von Edward Clug (tanz 5/14) und Katarzyna Kozielska. brechtbühne, 11. Dez.
theater-augsburg.de
Baden-Baden
Festspielhaus Das Mariinsky-Ballett gastiert mit «Raymonda» von Konstantin Sergeyev nach Petipa. 21....
screening_________
Im Pariser Palais Garnier hat gerade eine Abschiedszeremonie die andere abgelöst. Nicht nur Madame la Directrice, Brigitte Lefèvre (siehe S. 32), quittierte den Dienst, auch die Étoiles Agnès Letestu und Isabelle Ciavarola stiegen vom Ballettfirmament herab. Aber vielleicht hat das Publikum keinen Verlust mehr betrauert als den von Nicolas Le...
Projektionen erscheinen: Pfeile schweben wie haltlose Richtungsanweisungen. Helle Rahmen blubbern auf und ab wie Wasserblasen in Screen-Format. Das Auge beginnt zu schlingern, auch die Tänzer auf der Bühne schwanken leise im Zwielicht. Ein wohliger Rausch. Noch. Später zeigen die fragmentierten Videos der Gruppe WERC Felsen, eilige geometrische Figuren,...
